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Soziologisches - Philosophisches - Animal Issues


Home >> Technik und Verantwortung

Der Begriff der Verantwortung bei Günter Ropohl
und bei Günther Anders

  1. Technik ist unser Schicksal
    1. Die Einheit von Handeln und Verantwortung:
    Handlungsradius und Verantwortung vor der Industrialisierung
    2. Die Ambivalenz der Technik:
    Produktionsprinzip und Zerstörungspotential
    3. Die Diremption zwischen Handeln und Verantwortung:
    Handlungsradius und Verantwortung im System Technik
  2. Fokus und Verantwortungsbegriff bei Günter Ropohl und bei Günther Anders
    1. Günter Ropohl
    1.1 Das System Technik
    1.2 Der einzelne Ingenieur im "System Technik"
    1.3 Der Begriff der Verantwortung bei Ropohl
    1.4 Verantwortungsmodelle einer Ingenieurethik
    1.41 Ein individualistisches Konzept technischer Verantwortung
    1.42 Ein institutionalistisches Konzept technischer Verantwortung
    1.43 Konzertierte Technikbewertung
    1.5 Die Wurzeln des Verantwortungsbegriffs bei Ropohl
    2. Günther Anders
    2.1 Das Zeitalter der dritten industriellen Revolution
    2.11 Der Sprung ins Absolute
    2.12 Der zweite Platonismus
    2.2 Die Antiquiertheit des Menschen
    2.21 Das prometheische Gefälle
    2.22 Die Neubestimmung des malum
    2.3 Die Grenzenlosigkeit der Verantwortung
    2.4 Die Wurzeln des Verantwortungsbegriffs bei Anders
  3. Hippokratische Eide und Sonntagsreden:
    Möglichkeiten und Grenzen der dargestellten Verantwortungsbegriffe in der Praxis
    1. Günter Ropohl: Zwischen Realität und Wunschdenken
    2. Günther Anders: Zwischen Auflehnung und Fatalismus
  4. Literatur

I. Technik ist unser Schicksal

1. Die Einheit von Handeln und Verantwortung:
    Handlungsradius und Verantwortung vor der Industrialisierung

Bis ins 16. Jahrhundert verstanden sich Menschen selbst als Teil der Natur. Natur als Ganzes war nicht Gegenstand menschlichen Handelns und damit auch nicht Gegenstand von Verantwortung. Herrschaft über die Natur brachte noch nicht Verantwortung für sie mit sich, allenfalls partielle Verantwortlichkeiten, z.B. Sorge zu tragen für das Überleben der Tierrasse, von der man sich ernährte (vgl. SPAEMANN 1980: 238f). Ort der Ethik war der innermenschliche Bereich, und so ist Ethik bis heute von ihren Wurzeln her anthropozentrisch verfaßt. Der menschliche Handlungsradius war räumlich und zeitlich eng begrenzt. Kausalzusammenhänge zwischen einer Handlung und ihren Folgen waren direkt einsehbar. Vor diesem Hintergrund entstand die goldene Regel oder auch Kants Maxime, andere nie nur als Mittel für eigene Zwecke zu benutzen. Ethik war nur auf diese Zusammenhänge bezogen, und Verantwortlichkeit galt nur gegenüber Zeitgenossen (vgl. JONAS 1984: 21-23).

2. Die Ambivalenz der Technik:
    Produktionsprinzip und Zerstörungspotential

Heute ist Technik zum bestimmenden Faktor geworden, auch in sozialen Systemen, bestimmend nicht nur für die materielle Produktion, sie umschreibt "eine ganze Kultur: sie entwirft eine geschichtliche Totalität", die "Totalität einer Lebenswelt" (HABERMAS 1969: 59). Technik ist selbst ein System, das soziale Systeme prägt und überformt.

Aber Technik ist nicht nur Produktionsprinzip, sondern enthält auch ein ungeheuerliches Zerstörungspotential. Schon in der Massenproduktion ist die Zerstörung der Produkte mit angelegt, und deren Kurzlebigkeit entspricht eine Schonungslosigkeit im Umgang mit ihnen, die im Terminus "Wegwerf_Gesellschaft" zum Ausdruck kommt (vgl. ANDERS 1988b: 42). Aber die Zerstörung greift auch über auf unsere Umwelt und die Menschheit als ganze, sei es durch gezielte Eingriffe in die Natur oder durch unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Technisch produzieren wir gänzlich neuartige Gefahren. "So finden wir uns in einer Welt, in der die Menschen die Entdeckungen der Gelehrten mit Schrecken studieren, und neue Entdeckungen rufen neue Todesängste bei ihnen hervor" (KIPPHARDT 1964: 146). Die Chancen, diese Gefahren in den Griff zu bekommen, scheinen mehr als gering zu sein. Während in vorindustriellen Zeiten weitergehende Planung nicht nötig war, da menschliche Handlungen begrenzt und überschaubar waren, ist es heute gar nicht mehr möglich zu planen; vielmehr erzeugt "jeder Versuch, durch Ausweitung planender und geplanter Eingriffe die Nebenfolgen in den Griff zu bekommen, nur neue und noch schwerer zu bewältigende Nebenfolgen" (SPAEMANN 1980: 240).

Technisch sind wir in der Lage, unkalkulierbare Fernwirkungen zu erzeugen, gewollte und Nebenwirkungen, räumlich wie zeitlich. Wir sind nicht mehr gezwungen, die Auswirkungen unserer Handlungen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Die Bilder vom Krieg am Golf unterschieden sich in nichts von Computerspielen. Selbst der über Hiroshima die Bombe abwarf, sah nicht, was unter ihm geschah, der Atompilz hüllte alles ein (vgl. ANDERS 1988b: 68). Und vom zeitlichen Gesichtspunkt her werden wir für ein paar Jahrzehnte Wohlstand unseren Nachkommen für Jahrtausende eine verseuchte Welt hinterlassen (vgl. SPAEMANN 1980: 244f). Damit taucht zum erstenmal die Frage auf, ob wir auch gegenüber künftigen Generationen verantwortlich sind.

Technik ist mithin in sich ambivalent; wir brauchen sie nicht nur, um mit ihren Folgen fertigzuwerden. Denn absurd wäre es, angesichts eines hungernden Inders die Technik zu verdammen (vgl. ANDERS 1988b: 127). Ein Zurück zur Natur ist weder möglich noch wünschenswert. Aber wir müssen uns unserer Lage bewußt werden: wir sind Zauberlehrlinge in einem "Walde von Besenstielen" (ANDERS 1988b: 403). Kurz: "Technik ist unser Schicksal" (ANDERS 1988b: 271).

3. Die Diremption zwischen Handeln und Verantwortung:
    Handlungsradius und Verantwortung im System Technik

Handlung und Verantwortung driften auseinander. Während sich der menschliche Handlungsradius insgesamt räumlich wie zeitlich ins Unendliche ausgedehnt hat, und "der Sprung ins Absolute" (ANDERS 1986: 11) stattgefunden hat, in dem Sinne, daß ein einzelner Knopfdruck heute Folgen zeitigen kann, die mit der auslösenden Handlung in gar keinen Zusammenhang mehr gebracht werden können, ist andererseits durch die Arbeitsteilung und gleichzeitige Verantwortungsverteilung der Einflußbereich des Einzelnen so weit zurückgegangen, daß es fraglich ist, wieweit er für das Endprodukt und seine Wirkungen noch verantwortlich gemacht werden kann. Zwischen Handeln und Vorstellen ist ein "prometheisches Gefälle" (ANDERS 1988a: 16) entstanden, unsere Phantasie begreift unsere Fähigkeiten nicht mehr.

Wo aber ist nun - im System Technik - der Ort für Verantwortung? Oder wird es am Ende "niemand gewesen sein"? (ANDERS 1988a: 245) Die Frage nach der Verantwortung und der Möglichkeit von Verantwortung überhaupt stellt sich angesichts der Überdimensionalität von Technik neu.

II. Fokus und Verantwortungsbegriff bei Günter Ropohl und bei Günther Anders

1. Günter Ropohl

1.1 Das System Technik

Nach Jaques Ellul hat Technik alle Kennzeichen eines Systems. Insbesondere verfügt sie über Selbstorganisation mit hoher Stabilität, wobei die systembildenden Teile (letztendlich die Techniker) eine starke Wechselwirkung entfalten und eine soziale Vernetzung ausbilden. Innerhalb des Systems gibt es niemanden, der entscheiden könnte, welche Innovationen brauchbar oder wünschenswert sind. Entscheidende Motivation zum Weiterforschen ist die Leidenschaft zur Technik. "Alles andere ist nachträgliche Rechtfertigung und Ideologie" (HELLBARDT 1990: 19). Zur Ideologie wird Technik nach Habermas, indem sie mit dem Anspruch der modernen Wissenschaft auftritt und traditionelle Herrschaftslegitimationen ersetzt. Ideologiekritik und Ideologie entstammen derselben Wurzel (vgl. 1969: 72). Technik als System ist autonom, und hierin liegt die eigentliche Gefahr. Wirkungen der Technik sind letztlich nichttechnischer Art und werden - wie auch Moral als solche - nicht als Kontrollfaktor berücksichtigt (vgl. HELLBARDT 1990: 18f).

Das System Technik wird darüberhinaus noch gefestigt durch die "Tendenz, soziale Systemzwänge zu objektivieren und mit Naturzwängen gleichzusetzen" (SPAEMANN 1980: 245), so daß die Möglichkeit des Anders-Seins von vornherein geleugnet wird. Technische Entwicklungen scheinen zudem immer dann einzutreten, wenn sich ein Bedarf für sie ergibt. Aber hierbei handelt es sich keineswegs um prästabilierte Harmonie, sondern nach wie vor um Kontingenzen (vgl. SPAEMANN 1980: 245).

1.2 Der einzelne Ingenieur im "System Technik"

In dieses System ist der einzelne Ingenieur eingebunden.

Die Zeit eines Galilei oder Edison ist heute vorüber, aber auch ein einzelner Erfinder hat keine Macht mehr über seine Erfindung, sobald er sie einmal aus der Hand gegeben hat (vgl. ROPOHL 1987: 161).

Industrialsierung ging einher mit Differenzierung, und zunehmende Spezialisierung bestimmt mittlerweile auch das Gebiet von Forschung und Technik. Neuentwicklungen werden oft in mehreren Stufen durchgeführt. So ist das Subjekt der Verantwortung immer öfter ein kollektives oder institutionelles. Der Systemcharakter technischen Handelns entpersonalisiert Handeln. Dabei umfaßt der Bereich Technik Artefakte, sowie deren Herstellung und Gebrauch, und Arbeitsteilung besteht nicht nur bei Entwicklung und Herstellung, sondern auch zwischen Herstellung und Gebrauch (ROPOHL 1987: 159). Mit dieser Arbeitsteilung einher geht Verantwortungsverteilung. Nach Schelsky z.B. kann Verantwortung nicht weiter reichen, als die eigenen Einflußmöglichkeiten (vgl. HELLBARDT 1990: 16).

Hinzu kommt eine schon durch die einseitige Ausbildung des Ingenieurs mangelhafte Sach- und Wertkompetenz, deren Anmaßung die Gefahr von Technokratie in sich birgt. Arbeitsrechtliche Bindungen, die sich in Geheimhaltungspflicht und Weisungsgebundenheit artikulieren, machen darüberhinaus Moral zur Privatsache und - bei Gefährdung der beruflichen Position - zum Luxus.

Hier ist denn auch meist zu hören: "Wenn nicht ich, dann wird ein anderer es tun" (vgl. ROPOHL 1989: 562-565).

Nicht weniger zwingend, wenn auch nicht direkt spürbar, sind ökonomische Gründe, national wie international. Die internationale sozioökonomische Kompetition ist wohl eine zentrale Ursache - neben der militärischen Verwertbarkeit von Neuentwicklungen -, die zur Mißachtung ethischer Grundnormen führt. Im größeren Zusammenhang sind wirtschaftliche Interessen immer beteiligt, auch wenn einzelne Wissenschaftler gelegentlich die Freude am Forschen und Freiheit von Forschung und Lehre heranziehen.

Albert Einstein formulierte das Dilemma des Wissenschaftlers so: "Der Gelehrte ist gezwungen, sich auf Befehl der ständigen Vervollkommnung der Mittel für die allgemeine Vernichtung der Menschen zu widmen. Muß sich der Wissenschaftler wirklich dieser Herabwürdigung beugen? Hat er in blinder Suche nach der wissenschaftlichen Wahrheit seine menschliche Verantwortung und Würde vergessen?"

Hier setzt Ropohl an und versucht, eine neue Konzeption von Verantwortung auf individueller sowohl wie auf institutioneller Ebene zu entwickeln.

1.3 Der Begriff der Verantwortung bei Ropohl

Für Ropohl ist Verantwortung in Anlehnung an das Wörterbuch der philosophischen Begriffe von Johannes Hoffmeister (Hrsg.) das "Aufsichnehmen der Folgen des eigenen Tuns, zu dem der Mensch als sittliche Person sich innerlich genötigt fühlt. da er sie sich selbst, seinem eigenen freien Willensentschluß zurechnen muß" (1987: 155). Daraus entwickelt er einen mehrstelligen Relationsbegriff, der sich in die Formel zusammenfassen läßt: "Wer verantwortet was wann, wovor, weswegen und wofür". Die einzelnen Komponenten bestehen demnach aus Akteur, Handlung, Zeitpunkt, Instanz, Werten und Folgen.

Subjekt der Verantwortung können Individuen, kollektive Akteure oder Institutionen sein. Diese müssen Handlungen, Unterlassungen, aber auch schon das, was sie sagen, verantworten. Dabei ist zu unterscheiden zwischen dem früher dominierenden retrospektiven Verantwortungsbegriff, der erst nach der Handlung zum Tragen kam, und dem heutigen prospektiven Begriff, der bereits in der Planungsphase wirksam ist und eine "präventive Ethik der Zukunftsverantwortung" (l987: 158) begründet. Es gibt dabei formelle Instanzen der Verantwortung wie Standesorganisationen, Arbeitgeber oder Gerichte, und ebenso informelle wie die öffentliche Meinung, oder das eigene Gewissen. Der grundlegende Wert, an denen Handlungen gemessen werden, ist das gute Leben aller, oder nach utilitaristischer Auffassung, das größte Glück der größten Zahl. Diese Grundnorm artikuliert sich unter anderem in Nützlichkeit, Wohlwollen oder Gerechtigkeit. Als zu verantwortende Folgen führt Ropohl neben primären auch räumliche und zeitliche Fernwirkungen an, und daneben auch indirekte, wie z.B. Einflüsse auf einen eventuellen Wertewandel (vgl. l987: 155-158). Hiermit legt Ropohl einen analytisch gewonnenen Verantwortungsbegriff vor.

1.4 Verantwortungsmodelle einer Ingenieurethik

1.41 Ein individualistisches Konzept technischer Verantwortung

Mit diesem Verständnis von Verantwortung überprüft er die individualistische Konzeption einer Ethik der technischen Verantwortung. Hierbei ist Subjekt der Verantwortung der einzelne Ingenieur, Instanz der Verantwortung sein Gewissen. Sollen aber setzt Können voraus, doch die Fähigkeit zur Verantwortung des Einzelnen ist im System Technik stark beschnitten durch fehlende Sach- und Wertkompetenz, ökonomische Zwänge, Arbeitsteilung und nicht zuletzt arbeitsrechtliche Bindungen (vgl. 1989: 562-565).

Außerdem ist die Reichweite der Verantwortung auch vom Produkt abhängig. Sie wird bei multifunktionalen Produkten anders ausfallen als bei zweckspezialisierten Systemen. Nach Ropohl ist bei ersteren wenigstens die oft unzureichende Kompetenz der Verwender zu berücksichtigen und falschem Gebrauch mittels Informationen oder Warnungen zu begegnen. Damit bewegt er sich zwischen einem eher gebrauchsorientierten Konzept, das bei multifunktionalen Systemen jede Verantwortung für den Hersteller ablehnt, da hierbei das Gebrauchshandeln ausschlaggebend ist, und einem herstellungsorientierten Konzept, das die Verantwortung auch für unerwünschte Folgen beim Hersteller sieht. Bei zweckspezialisierten Produkten trägt der Hersteller dagegen tatsächlich die volle Verantwortung auch in Bezug auf den Gebrauch (vgl. 1987: 159f).

Da aber durch Systemeinbindung und Arbeitsteilung der Einzelne eine zu schwache Position hat, als daß er erkennen, beeinflussen oder verhindern könnte, was er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, kommt Ropohl zur Ablehnung eines rein individualistischen Konzepts. Dieses würde nur versuchen, "einen gesellschaftlichen Strukturkonflikt auf dem Rücken der Individuen auszutragen" (1989: 561), aber die "globale Technisierung ist eine öffentliche Angelegenheit" (1989: 567), mithin ein Politikum. Eine in den Privatbereich abgedrängte, als bloße Weltanschauung geduldete Moralität muß hier a priori scheitern. "Ordnungspolitische Wertabstinenz" (1989: 566) kann nicht durch eine individualistische Ingenieurethik kompensiert werden. Umgekehrt sollte die "Anbindung von Technik an demokratisch legitimierte Werte des guten Lebens" (1989: 566) Aufgabe des Staates sein, da das Bedenken aller Fernwirkungen das Individuum gänzlich handlungsunfähig machen würde (vgl. SPAEMANN 1980: 236). Auch Ropohl fordert im Endeffekt die Wiederherstellung der "aristotelischen Einheit von Ethik und Politik" (1989: 568).

1.42 Ein institutionalistisches Konzept technischer Verantwortung

Ein entgegengesetztes Verantwortungskonzept ist das der institutionellen Steuerung und Kontrolle. "Die Technisierung hat aus menschlichem Handeln soziotechnisches Handeln gemacht" (LENK/ROPOHL 1987: 6). Diese Entindividualisierung wirkt als Objektivation. Institutionalistische Modelle sehen als Subjekt der Verantwortung eine gesellschaftliche oder staatliche Einrichtung vor, die vor der Jurisdiktion bzw. der demokratischen Öffentlichkeit Rechenschaft abzulegen hat. Damit findet eine Trennung zwischen Handeln und Verantwortung statt. Die Richtung der Verantwortung ist vor allem prospektiv und klar herstellerorientiert. Durch interdisziplinäre Zusammensetzung ist eine ganzheitliche Folgenabschätzung möglich. Eine solche Institution müßte unabhängig sein und über eine demokratisch legitimierte Wertkompetenz verfügen. Aber auch in dieser Lösung sieht Ropohl Probleme. So fürchtet er eine Bürokratisierung der technischen Entwicklung mit Tendenz eher zur Verhinderung als zur Durchsetzung von Neuerungen. Was er nicht anspricht, ist, ob Autonomie gegenüber Lobbies tatsächlich möglich wäre, und vor allem die Tatsache, daß der Staat selbst als Akteur in der Technik auftritt und bestimmte Interessen zur Durchsetzung bringen will (vgl. SPAEMANN 1980: 237). Gleichwohl kommt Ropohl auch zur Ablehnung dieses Konzepts (vgl. 1987: 164-169).

1.43 Konzertierte Technikbewertung als Synthese

Die Lösung sieht er in einer Synthese des individualistischen mit dem institutionalistischen Konzept, in der Konzertierten Technikbewertung. Beide Konzepte könnten komplementär zusammenwirken. Die Konzertierte Technikbewertung könnte einerseits die individuelle Verantwortungsfähigkeit stärken, und zwar durch Aufklärung über die Wertbezogenheit technischen Handelns und den Instrumentalcharakter technischer und ökonomischer Werte, durch Sensibilisierung für außertechnische Probleme, wie auch durch Bereitstellung konkreter Kriterienkataloge und Unterstützung im Konfliktfall. Andererseits kann institutionelle Steuerung durch den Einsatz von Fachleuten auf allen Ebenen, von der Universität über Berufsverbände bis hin zu den Betrieben, und durch Entwicklung allgemeiner Standards zur Technikbewertung unterstützt werden (vgl. 1987: 170-173). Als Beispiel für diese Konzeption verweist er auf die "Empfehlungen zur Technikbewertung" des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), die das technische Handeln orientieren nicht nur an Funktionsfähigkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit, sondern auch an nichttechnischen Werten wie Gesundheit, Wohlstand und Umweltverträglichkeit bis hin zu Persönlichkeitsentfaltung und Gesellschaftsqualität (vgl. 1987: 297-325).

1.5 Die Wurzeln des Verantwortungsbegriffs bei Ropohl

Ropohl legt hiermit eine Systemphilosophie der Ethik vor.

Seinen Ausgang nimmt er von Max Weber, der den Übergang von einer reinen Gesinnungsethik zu einer Ethik der Verantwortung darstellte als Übergang von nicht hinterfragter Pflichterfüllung zu "reflektierter Verantwortung" (ROPOHL 1987: 154).

Ropohl postuliert eine Folgen- oder Verantwortungsethik, d.h. eine teleologische Ethik nach dem Schema des Regelutilitarismus, der durch Aufstellung allgemeiner Handlungsregeln besondere Praxisorientierung aufweist. Das höchste Gut gilt allgemein als größtes Glück der größten Zahl.

Trotzdem handelt es sich bei der Konzertierten Technikbewertung um eine eher pluralistische Konzeption, in der auch Kants formale Ethik und im Kern sein kategorischer Imperativ ein wesentliches Element darstellt (vgl. LENK/ROPOHL 1987: 10f).

Ropohl fokussiert in seinem Konzept den einzelnen Ingenieur im meist unüberschaubarem Betrieb. Daß er diesen. in seine Vorstellung von Verantwortung genauso einbindet wie ganze Institutionen, zeigt, daß er Machtlosigkeit und fehlenden Überblick nicht als Begründung für unreflektierte Pflichterfüllung akzeptiert. In diesem Sinne ist für Ropohl Verantwortung eine Funktion von Ohnmacht und Nichtwissen.

2. Günther Anders

2.1 Das Zeitalter der dritten industriellen Revolution

Anders spricht von drei industriellen Revolutionen, beginnend mit der Herstellung von Maschinen durch Maschinen über die Produktion von Bedarf mittels Werbung bis hin zur Produktion des eigenen Untergangs durch die Entwicklung der Atombombe (vgl. 1988b: 15-19). Vor diesem Hintergrund sieht er die vordringlichste Aufgabe einer Philosophie der Technik darin, "den dialektischen Punkt ausfindig zu machen und zu bestimmen, wo sich unser Ja der Technik gegenüber in Skepsis oder in ein unverblümtes Nein zu verwandeln hat" (1988b: 127). Die Dialektik der Technik besteht darin, daß bereits in ihrem Wesen Gefahr begründet ist: "die moralische Neutralität der Apparate ist Illusion" (1988b: 217, vgl. 126f). Auch nach Marcuse ist Technik als solche - unabhängig von ihrer spezifischen Verwendung - bereits Herrschaft und damit gefährlich; in ihr ist projektiert, was eine Gesellschaft mit Menschen und Dingen zu machen gedenkt (vgl. HABERMAS 1969: 50).

Trotzdem aber kommen wir ohne Technik nicht mehr aus.

2.11 Der Sprung ins Absolute

Mit der Entdeckung der Kernspaltung fand ein "Sprung ins Absolute" (1986: 11) statt. Die Entwicklung der ersten Atombombe machte uns allmächtig. Aber diese Allmacht ist keine der "creatio ex nihilo", sondern eine zur "reductio ad nihil" (1988a: 239). Und sie korreliert mit ebenso totaler Ohnmacht, denn die Bombe ist durch ihr bloßes Da-Sein "ultimativ" (1988a: 257); unser Sein ist zu einem Gerade-noch-Sein geworden (vgl. 1986: 93). Nicht wie, sondern ob die Menschheit weiterbestehen wird, ist nun die Frage (vgl. 1988a: 238). Dieser Sprung war kein epochaler, er war metaphysisch, er markiert das Ende aller Epochen, die Endzeit, das Zeitenende (vgl. 1988b: 19). Unsere Gattung als ganze ist sterblich geworden, wir sind übergewechselt vom Status des "genus mortalium" in den eines "genus mortale" (ANDERS 1986: 171), und zwar end-gültig, denn "was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden" (DÜRRENMATT 1980: 85).

2.12 Der zweite Platonismus

Aus diesem Grund spricht Anders vom "zweiten Platonismus" (1988b: 37). Denn Realität im eigentlichen Sinne besitzen nicht unsere Produkte oder auch die Bombe, sondern deren Idee, der blue print, das know how. Die einzelnen Exemplare sind vergänglich und auch für die Vergänglichkeit bestimmt. Ihre Kurzlebigkeit wird bereits durch ständige Neuentwicklungen und Verbesserungen begründet (vgl. 1988b: 37, 284, 395).

Im Unterschied aber zum Platonismus ist die Bombe weder phänomenal noch noumenal erfaßbar. Man sieht ihr nicht an, was sie ist, und auch unsere Vorstellungskraft vermag nicht, uns ihre tatsächliche Wirkung zu vergegenwärtigen (vgl. BRENTANO 1987: 20). Sie ist nicht Mittel, weil sie jeden denkbaren Zweck übersteigt (vgl. ANDERS 1988a: 249-251, 1987: 90); es ist unwichtig, über wieviele Bomben ein Staat verfügt. Eine Steigerung von totaler Vernichtung, von Absolut, gibt es nicht (vgl. 1986: 13, 99, 102, 1988a: 238ff). Eine Sprache, die trotzdem die Bombe als Mittel handeln will, ist Lüge bereits in den Namen und Begriffen, die sie verwendet, nicht erst in ihren Urteilen (vgl. ANDERS 1986: 102f, BRENTANO 1987: 25).

2.2 Die Antiquiertheit des Menschen

2.21 Das prometheische Gefälle

Wahrnehmung aber ist immer Wahrnehmung von etwas, und Begriffe ohne Anschauung sind leer. So stehen wir der Bombe insgesamt hilflos gegenüber. Gefühle aber sind auf Nahbeziehungen, mithin auf Wahrnehmung und Vorstellungsvermögen angewiesen (vgl. BRENTANO 1987: 21). Dabei scheidet für Anders die Wahrnehmung als Organ der Wahrheit von vornherein aus, da sie zu beschränkt ist (vgl. 1986: 97). Während vor der Industrialisierung Wahrnehmung, Denken und Gefühl noch dem menschlichen Handlungsradius entsprach, ist heute eine zunehmende "Antiquiertheit des Menschen" im Vergleich zu seinen Produkten zu konstatieren. "Die Tatsache der täglich wachsenden A-synchronisiertheit des Menschen mit seiner Produktewelt" nennt Anders das "prometheische Gefälle" (1988a: 16). Angesichts der Maschine, die doch sein eigenes Produkt ist, fragt sich Prometheus heute: "Wer bin ich schon?" (1988a: 23). Die Hinfälligkeit seines Leibes, selbst seine Einmaligkeit ist im Zeitalter des Perfektionismus und der Massenproduktion plötzlich zu einem Makel geworden, dessen er sich schämen muß. Wir sind nur noch 'mit-geschichtlich' (1988b: 286), der eigentliche Motor der Geschichte ist die Technik. Dieses Gefälle zwischen Maschine und Leib, Produkt und Phantasie, Tun und Fühlen, das Gefälle zwischen theoretischem Wissen und wirklichem Begreifen ist die eigentliche Gefahr im Zustand der atomaren Drohung; die Effekte unseres Tuns sind unsichtbar (vgl. 1988a: 267ff): "Effectus transcendit causam" (1988b: 64). Damit haben wir auch schon innerhalb des Herstellungsvorganges selbst ein prometheisches Gefälle, nämlich zwischen Herstellen und Hergestelltem. Dies aber impliziert das Ende von Machen und entsprechend das Ende von Handeln, denn die Diremption zwischen causa und effectus nimmt dem Tun das eidos, das telos. Arbeit heute ist telos-los, dadurch, daß der Weg bis zur Fertigstellung des Endprodukts unendlich vermittelt ist (vgl. 1988b: 64ff, 363). Durch Arbeitsteilung und Unüberschaubarkeit des Produktionsprozesses (vgl. 1988b: 363) kommt es zur "Ziel- und Eidos-Demontage" (1988a: 293, vgl. 1988b: 69) des Arbeitens, und mit den Aufgaben wird auch die Verantwortung geteilt (vgl. 1988a: 245). Anders hält also den Begriff des Handelns generell nicht mehr für anwendbar, statt dessen gibt es nur noch ein Mittun, Bedienen von Maschinen; statt Freiheit für den Menschen herrscht ein "Totalitarismus der Geräte" (1988b: 109). Arbeit verkommt zur bloßen "imitatio instrumenti" (1988b: 74, vgl. 1988a: 36ff). Handlung wird ersetzt durch Arbeit, und Arbeit durch Auslösung des berühmten roten Knopfes (vgl. 1986: 100-102). Entsprechend wird Gewissen verdrängt durch Gewissenhaftigkeit als die neue "Tugend der Technik" (vgl. 1988a: 291, 1986: 27).

2.22 Die Neubestimmung des malum

"Vermutlich hat es in der Weltgeschichte noch niemals eine Epoche gegeben, in der Schlechtigkeit so ausschließlich auf Beschränktheit (um nicht zu sagen: auf Dummheit) herausgelaufen ist, keine Epoche, in der die beiden so ununterscheidbar geworden waren wie sie es heute sind" (1986: 36). Dabei ist die "Größe einer Stupiditat [...] stets proportional zu der Größe der nicht gesehenen Konsequenzen". Und die sind heute "grenzenlos" (1986: 19). In diesem Zustand, nicht in einzelnen Handlungen oder Einstellungen ist heute das malum angesiedelt. Nicht nur intellektuelle, vor allem auch moralische Beschränktheit ist gemeint (vgl. 1986: 35). Wir sind Zauberlehrlinge, die Welt ein Wald von Besenstielen (vgl. 1988b: 396ff), weil wir uns nicht vorstellen können, welche Effekte unsere Produkte haben; weil wir nicht wissen, was wir tun (vgl. 1986: 36).

2.3 Die Grenzenlosigkeit der Verantwortung

Da jeder diejenigen Prinzipien hat, "die das Ding hat, das er hat" (1988a: 296), muß der Imperativ des Atomzeitalters lauten: "Habe nur solche Dinge, deren Handlungsmaximen auch Maximen deines eigenen Handelns werden könnten!" (1988a: 298) oder: "Habe nur solche Dinge, deren Maximen deine eigenen Maximen und damit die einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnten!" (1982: 224), "bleibe moralisch auf dem Laufenden der Effekte deines Tuns" (1986: 35). Heute können wir nicht mehr umhin, uns Gedanken zu machen, was wir mit dem Griff ins Warenregal in Kauf nehmen, unterstützen, fördern. Wir müssen uns klar sein darüber, daß heute mehr denn je Haben und Tun dasselbe ist. Aus diesem Grund besteht die entscheidende moralische Aufgabe in der Ausbildung einer angemessenen moralischen Phantasie. Und so lautet heute ein Imperativ "Lerne wieder vorstellen!". Die Differenz zwischen Verstand und Gefühl zu überbrücken ist heute notwendiger denn je. Überbrückt werden muß eine "immanente Transzendenz [...], das 'Gefälle'" (1988a: 276). Wir müssen wieder lernen zu handeln, müssen begreifen, daß wir handeln, selbst wenn wir glauben, daß wir nur mittun, mitmachen als ersetzbare kleine Rädchen (vgl. 1986: 38ff, 82, 100ff). Und eben weil Ereignisse oder Produkte nicht mehr auf Einzelne zurückzuführen sind, ist bei Anders jeder einzelne Mittuende gleichermaßen für das Ganze verantwortlich. Dabei reicht die "Verantwortung [...] so weit wie die unmittelbaren und mittelbaren Effekte unserer Taten, unserer Unterlassungen oder unserer Werke" (1986: 34; vgl. 1986: 95) und ist damit spätestens seit der Entwicklung der Bombe unbegrenzt, denn "nicht nur Atome pulverisiert die Tatsache der Kernspaltung, sondern auch die Wände der Kompetenzgebiete" (1986: 20), und: "Folgen kümmern sich nicht um Scheidewände" (1986: 32). Verantwortung ist damit das wichtigste "Korrektiv der Arbeitsteilung" (1986: 33). Verantwortung trifft somit nicht nur die, die kompetent sind oder sich dafür erklären, nicht nur Wissenschaftler, sondern jeden, eben weil die Folgen jeden angehen. Jeder ist aufgerufen "Mut zur Angst" (1986: 98) zu haben, andere zu mobilisieren, auf die drohende Gefahr hinzuweisen. Und noch weiter geht Anders, indem er auch die Opfer selbst zu Schuldigen macht, solange sie die potentiellen Täter nicht warnen (vgl. 1988a: 256).

2.4 Die Wurzeln des Verantwortungsbegriffs bei Anders

Anders' Verantwortungsbegriff ist analytisch gewonnen aus der Gegenüberstellung von Mensch und Maschine, aus der Feststellung des "prometheischen Gefälles" zwischen Verstand und Gefühl. Es handelt sich um eine prospektive, grenzüberschreitende Verantwortung (vgl. 1986: 86). Anders nimmt seinen Ausgang von Kants kategorischem Imperativ, aber Kant ist überholt, weil seine Prämissen nicht mehr gelten (vgl. 1986: 38, 48f), weil es in der Technik ein Handeln im Sinne Kants nicht mehr gibt. Überhaupt erklärt Anders traditionelle Ethiken für hinfällig, sie greifen nicht mehr (vgl. 1988a: 290, 1988b: 68). Anders' Ansatz ist praktisch-normativ, aber sein Verantwortungsbegriff ist letztlich doch nur metaphorisch zu verstehen, da er realiter jeder Grundlage entbehrt. Wie bei Ropohl zeigt sich Verantwortung als Funktion von Nichtwissen und Ohnmacht, denn Determinismus nähme der Ethik jede Möglichkeit. Anders' Verantwortungsbegriff ist ins Unermeßliche gewachsen, weil nämlich die Folgen unermeßlich, ja global sind (vgl. 1986: 95).

III. Hippokratische Eide und Sonntagsreden:
Möglichkeiten und Grenzen der dargestellten Verantwortungsbegriffe in der Praxis

1. Günter Ropohl: zwischen Realitätsbezug und Wunschdenken

"Wer allein auf hippokratische Eide [...] setzt", meint Ropohl, "hält eine schöne Sonntagsrede" (1987: 173). Seine Überlegungen zu einer zukünftigen Ingenieurethik weisen denn auch deutlichen Praxisbezug auf, in Absetzung von der blauäugigen Annahme, daß der Einzelne in der Technik auf sich allein gestellt , noch seinem Gewissen entsprechend handeln könnte. Trotzdem macht Ropohl es sich nicht so leicht, Verantwortung nur bei Institutionen anzusiedeln, sondern versucht eine Synthese von individueller und institutioneller Verantwortung auszuarbeiten. Die Frage ist nur, ob er sich nicht trotz seiner Praxisorientierung am Ende wieder in einem Berg von theoretischen Anleitungen verfängt - die der institutionellen Lösung angelastete Bürokratisierung ist auch bei Ropohls Konzept nicht von vorneherein auszuschließen -, und ob er die System-Realitäten ausreichend würdigt.

Zum Beispiel kommen Ökonomische Einflüsse zu kurz, sie klingen nur an in der Forderung nach 'Anbindung von Technik an demokratisch legitimierte Werte des guten Lebens' (1989: 566), was bedeuten würde, daß die Berufung auf die japanische Konkurrenz Verstöße gegen ethische Normen nicht mehr rechtfertigen könnte. Auch das damit eng verknüpfte Arbeitsplatzargument würde nicht mehr greifen. Ist Ropohl hier noch realistisch? .

Weiter vernachlässigt Ropohl die Einflußmöglichkeiten von Lobbies und die Tatsache, daß der Staat selbst als Akteur im großtechnischen Bereich auftritt (vgl. SPAEMANN 1980: 237). So wurde z.B. 1974 eine "Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems" (KtK) von der Bundesregierung beauftragt, in sog. Kabelpilotprojekten Bedarf und Akzeptanz für privaten Rundfunk und Verkabelung zu erforschen. Schon diese Versuche waren wegen der hohen Investitionskosten und der deshalb fehlenden Rückholbarkeit zu kritisieren.. Sie stellten bereits eine Art von Vorentscheidung dar. Als dann 1985 die erste Lizenz für einen Privatsender erteilt wurde, geschah dies zudem ohne die Ergebnisse der KtK abgewartet zu haben (vgl. RÖPER 1991: 37f). Wie sollten da, angesichts der Normativität des Faktischen, die von Ropohl gemeinten Institutionen die geforderte Neutralität und Durchsetzungskraft gegenüber ökonomischen und politischen Interessen bewahren, zumal der Staat oft genug selbst diese Interessen vertritt (vgl. SPAEMANN 1980: 247)?

Einen weiteren Ansatzpunkt für Kritik bietet Ropohls Vorschlag, Ethikkommissionen einzuberufen (vgl. 1989: 564). Dadurch wird der gefährliche Glaube vermittelt, nur Ausgewählte verfügten über Wertkompetenz. Dies würde die Tendenz technischer Systeme hin zur Abkapselung von der Öffentlichkeit dahingehend unterstützen, daß sogar ethische Probleme intern behandelt werden. Der Einzelne wird damit auch auf diesem Gebiet zum Laien und inkompetent. Ethikkommissionen garantieren auch durch ihre Zusammensetzung entsprechend der Stärke der beteiligten Interessengruppen gewöhnlich die Durchsetzung der stärksten Interessen. Nach außen erfüllen sie oft nur eine Alibifunktion und tragen zur Legitimation bestehender Praktiken bei.

Eng damit in Zusammenhang steht das in der Kompetenzdiskussion angeführte Demokratie-Argument, das dem Bürger allenfalls als beratendem Experten Kompetenz zuspricht. Ansonsten tritt er seine Kompetenzen an gewählte Repräsentanten ab. Dieses Argument ist aber im Hinblick auf die Risiken und Folgen der Großtechnik, vor allem im Bereich der Kerntechnik, schon formal unrichtig. Es gibt Risiken, die man nicht eingehen darf. Für Experten ist schon der Risiko-Begriff ein anderer als für Laien. Während jene die qualitativen Risikofaktoren und den politischen Handlungsbedarf meinen, stellen diese auf die numerische Höhe der Kosten-Nutzen-Bilanz ab (vgl. PETERS 1991: 88). Aber "auf den Grad der Wahrscheinlichkeit künftiger Katastrophen" kann es "nicht ankommen" (SPAEMANN 1980: 243). Der Konsens über das Eingehen von Risiken bezieht auch nur diejenigen mit ein, die ihn eingegangen sind. Die Gruppe derer, die von den Nachteilen betroffen sein können, muß identisch sein mit der Gruppe der Nutznießer, mithin den jetzt lebenden Generationen (vgl. SPAEMANN 1980: 244). Mehrheitsentscheidungen gelten da nicht mehr, wo jemandes Subjektstellung - auch die künftiger Generationen negiert wird (vgl. SPAEMANN 1980: 246).

Es kann nicht gewollt sein, daß wir so essentielle und weitreichende Entscheidungen "an für wenige Jahre gewählte Repräsentanten delegieren" (BRENTANO 1987: 26), zumal sich Politiker gewöhnlich in ihren Überlegungen an Zeiträumen von maximal vier Jahren, an der Dauer einer Legislaturperiode, orientieren. Schon Fernwirkungen, die ein Jahrzehnt übersteigen, wie z.B. die Folgen der FCKW-Produktion, die sich erst mit einer Verzögerung von 15 Jahren bemerkbar machen, werden nicht in Planungen miteinbezogen. Auch material ist das Demokratie-Argument falsch, wenn es davon ausgeht, daß die gewählten Berufspolitiker "hinsichtlich der nicht festgelegten Einzelentscheidungen [...] verantwortungsfähig und vertrauenswürdig sind" (BRENTANO 1987: 26). Im Gegenteil entwickeln Berufspolitiker mit der Zunahme der Macht eine wachsende Hemmungslosigkeit und "Apokalypse-Blindheit", wie Anders es nennt. Sie können zu Massenmördern werden, ohne bei dem allen schlechte Menschen zu sein (vgl. BRENTANO 1987: 26f).

So gibt es im technischen Zeitalter - im Zeitalter der Spezialisierung und Differenzierung, der geteilten Aufgaben und verteilten Verantwortung - Bereiche, die nur unter Aufgabe aller Demokratie haltbar wären.

Bleibt vor diesem Hintergrund am Ende Ropohls Konzept der Konzertierten Technikbewertung auch nur eine "Sonntagsrede", mit Praxisorientierung zwar und konkreten Durchführungsvorschlägen, aber ohne ökonomische und politische Realitäten in ihrem vollen Umfang und Einfluß zur Kenntnis zu nehmen? Zugutezuhalten ist Ropohl allerdings, daß er versucht, dem machtlosen Einzelnen Hilfestellung zu geben. Es bleibt zu hoffen, daß seine Konzeption sich wenigstens in Teilbereichen etablieren kann, auch gegen das Gesetz der "unsichtbaren Hand" (1989: 566).

2. Günther Anders: Zwischen Auflehnung und Fatalismus

Dagegen bleibt Anders' Verantwortungsbegriff a priori metaphorisch. Denn erst müßten die Voraussetzungen für Verantwortung (wieder-)hergestellt werden. Doch darüber "erlaubt uns Anders keine Illusionen" (SCHMIDT 1989: 199). Zwar versucht er einen neuen hippokratischen Eid zu formulieren, nämlich "keine Arbeiten anzunehmen oder durchzuführen, ohne diese zuvor darauf geprüft zu haben, ob sie direkte oder indirekte Vernichtungsarbeiten darstellen" (1986: 137f). Doch unmittelbar darauf nimmt er seine Forderung wieder zurück, denn nur Narren könnten solche Eide schwören. Hier scheint sein eigener Pessimismus durch, den er uns - wie auch die Hoffnung - so gern verbieten würde.

Um Handeln wieder möglich zu machen, waren allererst demokratische Voraussetzungen nötig, aber Anders bestreitet, "daß es nach dem Sieg der Massenmedien noch Demokratie gebe" (1987: 30). "Der Mensch ist kein 'mündiges' Wesen mehr" (1987: 31): Durch die Massenmedien ist er "hörig" geworden (vgl. 1988a: 107-110). "Was wir 'erreicht' haben, ist bereits der totalitäre Staat, [...] der 'Atomstaat'" (1987: 28). Auch nach Marcuse leben wir in einer auf rationale Art totalitären Gesellschaft, weil "die Rationalität von Wissenschaft und Technik schon immanent eine Rationalität der Herrschaft" (HABERMAS 1969: 53) ist. Pascual Jordan sprach davon, daß "Sinn und Bedeutung der physikalischen Forschung - mag sie auch von ihren Schöpfern und Verehrern oft um ihrer selbst willen [...] wertgeschätzt werden unverrückbar gegeben sind durch ihre Rolle als technisches und militärisches Machtinstrument" (ANDERS 1986: 18). Gleichzeitig erfolgt nach Habermas die Ausschaltung praktischer Fragen aus der Öffentlichkeit; es gibt nur noch technische Probleme, die technisch, und das heißt, von Experten, gelöst werden müssen (vgl. 1969: 78). Anders benennt die Ziele der dahinterstehenden "integralen Macht" mit "Adaption", "Kongruenz" und "Konformismus" (1988b: 145). Dabei "geht die Freiheitsberaubung der Person mit der Ideologie der Freiheit der Person Hand in Hand. und die Abschaffung der Freiheit vollzieht sich zumeist im Namen der Freiheit" (1988b: 195). Oder wie Habermas sagt: "Ideologien sind gleich ursprünglich mit Ideologiekritik" (1969: 72). Die Welt der Technik schaltet uns nach Anders "diktatorischer, unwiderstehlicher und unentrinnbarer gleich, als es der Terror [...] jemals tun könnte" (1988b: 205). Die Konsequenz, die Anders daraus ableitet, ist, daß wir uns im "Notstand" (1987: 23) befinden, der denn auch aktiven Widerstand, mehr noch als Maschinenstürmerei, erfordert. Denn "Verzicht auf Tun reicht nicht als Tun" (1987: 23). Und: "Hoffnung ist nur ein anderes Wort für Feigheit, [...] für den Verzicht auf eigene Aktion" (1987: 32f).

Demonstrationen oder Sabotage akzeptiert Anders nicht als adäquates Mittel der Notwehr. Er bezeichnet sie als "Happenings", als "Ersatzwaffen gegen Ersatzobjekte" (1988b: 357), die nur dazu dienen, die eigenen Hände in Unschuld zu waschen. "Was gilt, ist allein das effektive Versuchen" (1988a: 276). Anders geht sogar so weit, für Gewalt als Mittel zu plädieren, um das Ziel Frieden zu erreichen. Damit hat er eine angeregte Diskussion entfacht, aus der ich nur zwei Gegenstimmen zitieren möchte, Peter Kafka und Helmut Gollwitzer. So verweist Kafka darauf, daß Gewalt gegen einzelne Akteure zwecklos sei, denn "der Feind ist ja diesmal mitten unter uns. Überall. Mitten in uns" (ANDERS 1987: 175). Deshalb ist das einzige adäquate Mittel: Mehrheiten zu gewinnen. Ähnlich argumentiert Gollwitzer, wenn er den Tyrannenmord wohl für einen Hitler, aber nicht mehr für die auswechselbaren Charaktermasken des technischen Zeitalters als Möglichkeit in Erwägung zieht (vgl. ANDERS 1987: 183). Anders waren wohl diese Einwände auch nicht fremd, und aus der Darbietung seiner Anschauung zur Gewalt in Form fiktiver Dialoge ist zu entnehmen, daß er selbst nicht so hinter diesen Sätzen steht, wie es von anderen aufgefaßt wurde. Er wollte aufrütteln mit spektakulären Thesen, wollte aufzeigen, daß unsere hochgelobte Zivilisation zu Grausamkeiten fähig ist, über die dann nicht einmal gesprochen werden darf (vgl. 1986: 168).

Die Botschaft, die Anders mit seinen radikalen Forderungen vermittelt, bleibt am Ende aber resignativ (vgl. SCHMIDT 1989: 199). Die von ihm entfachte Diskussion spielt sich wie jede philosophische Auseinandersetzung auf intellektueller Ebene ab und vermag dabei nicht einmal zu jenen Wissenschaftlern durchzudringen, die an der Zerstörung aktiv beteiligt sind. Um wieviel weniger ist da der Fließbandarbeiter zu erreichen, das kleine Rädchen im großen Getriebe, der meist gar nicht weiß, was er da zusammenschraubt. Wo uns doch dieses Nichtwissen oder Nicht-Wissen-Wollen sogar in der Chefetage von Pharmakonzernen wie Böhringer begegnet, die Mittel wie Agent Orange herstellten. Und wüßte der Mann am Fließband darum, so wäre ihm doch seine eigene Haut mehr wert, als die der potentiellen Opfer weit im Osten. Ebenso werden auch die Massen nicht erreicht, die über ihr Kauf- oder Wahlverhalten vielleicht Veränderungen herbeiführen könnten, zumal die Werbestrategien darauf zielen, Zusammenhänge zu verschleiern. Man nehme nur einmal die Praxis von Tierversuchen oder die Schäden, die durch die Verwendung chemischer Mittel in Haushalt, Landwirtschaft und Industrie an der Umwelt entstehen. Solche Bilder werden nicht gezeigt. Desgleichen werden vor Wahlen nur Ökonomische Probleme thematisiert, Konjunktur und Arbeitsplätze. Weitergefragt wird nicht. Anders provoziert und macht uns hoffnungslos, denn er verlangt Unmögliches von Menschen, die ihn nicht einmal hören. Er will aufmerksam machen, will zwingen zu mehr Bewußtheit, will aufrütteln. Doch da ist niemand, der ihm zuhört, nur Minderheiten von Sowiesoschon-Besorgten. Und außerhalb dieser Zirkel dürfte er nur auf Mißachtung, Unverständnis, Ablehnung stoßen. Dabei wäre seine Besorgtheit angemessener als die selbstverständliche Unbekümmertheit der Massen; doch wer Selbstverständlichkeiten in Frage stellt, wird von der Gesellschaft sanktioniert, ausgegeschlossen, zur 'unerwünschten Person' erklärt, wie Anders in den USA.

Wichtig ist es, Anders' Philosophie nicht nur auf die Bombe zu beziehen. Vor allem durch die Veränderungen in den Ost-West-Beziehungen rücken andere Problematiken mehr ins Blickfeld, so die 'friedliche' Nutzung der Kernenergie, der Bereich der Gentechnik, die Umweltthematik als ganze, dann die Übervölkerung, der Nord-Süd-Konflikt und die globalen Grenzen des Wachstums. Die Wirkung einer sacharowschen Wasserstoffbombe wäre verheerend, aber doch nicht global. Und selbst die fortschreitende ganz normale Umweltzerstörung bedeutet nicht den Untergang, sondern einfach ein unmerkliches Schwinden der evolutiven Vielfalt. "In Gefahr ist nicht 'die Erde', sondern ihr gegenwärtiger Artenreichtum, in dem wir eine schreckliche Verarmung anrichten. Erdgeschichtlich [...] wird auch das nur eine Episode sein, aber menschengeschichtlich kann es das tragische Scheitern höherer Kultur überhaupt bedeuten, ihren Absturz in eine neue Primitivisierung" (JONAS 1992: 95). Nicht das Überleben der Menschheit also, sondern das Weiterbestehen von Kultur und einer bestimmten Lebensqualität steht auf dem Spiel, die Erinnerung an eine aus sich heraus existenzberechtigte Mitwelt, die nicht nur für den Menschen als Ressource verfügbar sein und sich nicht nur unter Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten bewerten lassen muß.

Im Gegensatz zu Ropohl betont Anders die Verantwortlichkeit des Einzelnen, weil alles andere wieder auf bloße Pflichterfüllung hinausliefe und das Ende jeder Ethik bedeuten würde. Gleichzeitig sieht er aber die absurde Lage des Menschen in der Technik. Wir leben in der Ausweglosigkeit, Absurdität des Sisyphos: Wir müssen trotz besseren Wissens handeln, als ob unser Handeln etwas bewirken könnte. Oder wie es Jonas formuliert: "man muß [...] so handeln, als ob eine Chance da wäre, sogar, wenn man selber sehr daran zweifelt" (1992: 107). An solchem Fatalismus vermöchte m.E. auch die Aufdeckung bestimmter Einflußgrößen in Wirtschaft und Politik (vgl. SCHMIDT 1989: 199f) nichts zu ändern. Tatsächlich wäre Fatalismus in unserer Situation die einzige - logische - Konsequenz, nur aus ethischer Sicht eben unzulässig. Was uns davon abhält ist also nicht die Aussicht auf den Erfolg unserer Handlungen, sondern das ethische Postulat, handelnd unser Leben auf die eudaimonia, das geglückte Leben, hin zu gestalten.

Literatur:

Anders, Günther Die Antiquiertheit des Menschen, Bd .1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München (7)1988a
Anders, Günther Die Antiquiertheit des Menschen, Bd.2: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München (4)1988b
Anders, Günther Gewalt ja oder nein, München 1987
Anders, Günther Die atomare Drohung, München (5)1986
Anders, Günther Hiroshima ist überall, München 1982
von Brentano, Margherita Günther Anders' Philosophie des Atomzeitalters, in: Christian Schulte (Hrsg.), Friedensinitiative Philosophie, Um Kopf und Krieg - Widersprüche, Darmstadt 1987: 13-30
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Habermas, Jürgen Technik und Wissenschaft als Ideologie, in: Ders., Technik und Wissenschaft als Ideologie, Frankfurt/Main 1969: 48-103
Hellbardt, Günter Technik und Verantwortung, in: IBM Nachrichten, 40/1990, Heft 301: 15-23
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o.V. Hans Jonas im Spiegel-Gespräch, Dem bösen Ende näher, in: Der Spiegel, Hamburg 20/1992: 92-107
Kipphardt, Heinar In der Sache J. Robert Oppenheimer, Frankfurt/Main 1964
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Peters, Hans Peter Warner oder Angstmacher?, in: Deutsches Institut für Fernstudien (Hrsg.), Medien und Kommunikation, Studienbrief 9, Weinheim und Basel 1991: 74-108
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Ropohl, Günter Neue Wege die Technik zu verantworten, in: Lenk, Hans / Ropohl, Günter (Hrsg.), Technik und Ethik, Stuttgart 1987: 149-176
Ropohl, Günter An den Grenzen der Ingenieurethik, in: Universitas (Stuttgart), Heft 6/1989: 560-568
Schmidt, Hajo Die Herausforderung des Prometheus, in; Zeitschrift für Didaktik der Philosophie, 11.JG, Heft 4/1989: 195-206
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Verein deutscher Ingenieure (VDI) Empfehlungen zur Technikbewertung, in: Lenk, Hans / Ropohl, Günter (Hrsg.), Technik und Ethik, Stuttgart 1987: 297-325
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