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Egoistische Gene und Barrieren im Kopf
Kurze Notizen zu Richard Dawkins

Richard Dawkins: "Das egoistische Gen" - eine Zusammenfassung von Christian Heller -

Das egoistische Gen handelt von der evolutionären Herausbildung von Egoismus und Altruismus aus dem von Dawkins als evolutionär fundamental angenommenen Gen-Egoismus (vgl. EG, 44).

Gene sind Replikatoren - sich selbst reproduzierende Moleküle - die als "ewige Spiralen" in ihren Kopien über Generationen hinweg fortdauern können.
Sie bauen und programmieren sich Überlebensmaschinen, angefangen von einfachen Zellen bis hin zu Körpern, die sich riesige Kolonien von Genen teilen.
Diese Lebewesen sind im Gegensatz dazu einmalige Gen-Kombinationen, nicht reproduzierbar und sterblich. Die Körper dienen über den "Engpass" Samenzelle und Ei zur Reproduktion, und damit als "Vehikel in die Zukunft".

Dawkins will seine Theorie explizit als deskriptive verstanden wissen und daraus keine "Evolutionäre Ethik" ableiten, bestenfalls eine Wachsamkeit empfehlen gegenüber Auswüchsen des "skrupellosen Egoismus der Gene", denen Erziehung und Sozialisation ggf. entgegenwirken sollten. Also keine Sein-Sollens- oder naturalistischen Schlussfolgerungen, keine Biologisierung der Moral, kein Ethischer Egoismus, kein Amoralismus.

"Ich trete nicht für eine Ethik auf der Grundlage der Evolution ein" (EG, 37).

1. Altruismus

Altruismus steht wie auch Egoismus für Dawkins generell im Dienst des egoistischen Gens, ggf. auf Ebene des Individuums auch in Form reziproker Unterstützung zum eigenen Vorteil und Schutz (z.B. Fledermäuse, die sich im Notfall gegenseitig füttern) und in symbiotischen Gemeinschaften mit artfremden Individuen (z.B. die Pilzzucht der Blattschneiderameisen, Blattläuse in der Obhut von Ameisen, Putzerfische; vgl. EG, 304-307).
Altruismus außerhalb dieser eng umgrenzten Umstände sieht Dawkins nicht:
"So gern wir auch etwas anderes glauben wollen, universelle Liebe und das Wohlergehen einer Art als Ganzes sind Begriffe, die evolutionstheoretisch gesehen einfach keinen Sinn ergeben" (EG, 37).

2. Familienselektion

Im Gegensatz zu den sterblichen, weil einmaligen, Überlebensmaschinen existieren Gene in Form identischer Kopien, die die Körper zum Schutz und als Vehikel für die Reise in die Zukunft benutzen. Sie sind an der Vermehrung ihrer Kopien 'interessiert' und daran, ihren Kopien im Notfall beizustehen. Doch wie erkennen sie einander in den verschiedenen Körpern?
Die "besonderen Umstände, unter denen begrenzt altruistisches Verhalten auftreten kann" (EG, 37), kommen nur innerhalb der engsten Verwandtschaft vor. Eltern teilen mit ihren Kindern 50% ihrer Gene, Geschwister untereinander ebenfalls 50%; der Onkel mit seinen Neffen, der Großvater mit dem Enkel 25%; Vettern haben miteinander noch 1/8 ihrer Gene gemeinsam; Vettern dritten Grades nur noch 1/128.
Altruistisches Verhalten macht nur Sinn, wenn die Gene innerhalb der gefährdeten Individuen (und deren Chance sich weiter zu verbreiten) das Risiko des Helfers aufwiegen. Es wird sowohl der Verwandtschaftsgrad als auch die Anzahl der zu rettenden Individuen (und damit der Kopien eigener Gene) gegen das eigene Risiko aufgewogen (z.B. 100% der eigenen Gene entspräche denen von 2 Geschwistern oder 4 Neffen).

3. Rassismus und Speziesismus

Rassismus könnte als eine Form von Gruppen-Egoismus mit gleichzeitiger Abgrenzung gegen andere Gruppen begründet werden.
Speziesismus könnte sich aus der Idee des Artwohls in Abgrenzung zu anderen Arten speisen.
Mit dem Gen als fundamentaler Einheit der evolutionären Selektion weist Dawkins aber Theorien über Gruppenselektion bzw. Arterhaltung als Motiv für altruistisches Verhalten zurück (Lorenz, Ardrey, Eibl-Eibesfeldt; vgl. EG, 36).
Die Art oder genauer: die Population ist nur als Genpool von Bedeutung.
Rassismus und Speziesismus lassen sich nicht auf Gruppenselektion resp. Arterhaltung zurückführen, weil beide Motive für die Theorie des egoistischen Gens bedeutungslos sind.

3.1 Rassismus

Rassismus erklärt Dawkins demzufolge als auf nicht solider Basis ruhende "irrationale Verallgemeinerung der Familienselektion" (EG, 184). Diese ist aber ihrerseits eine Art von Gen-Selektion (und nicht: eine Art von Gruppenselektion, vgl. EG, 175f). Sie äußert sich in der Maxime: 'sei freundlich zu dem der dir ähnelt, das könnte dein Verwandter sein; und verhalte dich misstrauisch gegenüber anderen' also Identifizierung mit Ähnlichen, Feindseligkeit gegen andere (vgl. EG, 184). Von zentraler Bedeutung ist hier der Verwandtschaftsgrad, der mit der Entfernung sehr stark abnimmt.
Aus der Perspektive des Gen-Egoismus ist die Ausweitung von Solidarität auf eine ganze 'Rasse' unmöglich.

3.2 Speziesismus

Aus der Evolutionsbiologie lässt sich eine Loyalität gegenüber allen Angehörigen der eigenen Art nicht herleiten. Genau so wenig aber ist eine Rücksichtnahme auf Individuen anderer Arten konstruierbar.

3.2.1 Solidarität und Spezies

"Ob sich die Ethik des Speziesismus […] auf eine solidere logische Basis stellen lässt als die des Rassismus, weiß ich nicht. Was ich aber sicher weiß, ist, dass sie in der Evolutionsbiologie keine Basis hat" (EG, 49).

Wie Rassismus findet auch Speziesismus im Egoismus der Gene keine Grundlage. Der Gedanke der Gen-Verwandtschaft lässt sich nicht auf die Art ausweiten; allenfalls auf Ameisenstaaten, Bienenvölker oder Populationen mit Alphatieren, die für sich das alleinige Recht auf Fortpflanzung beanspruchen. Loyalität nach innen und Abgrenzung nach außen wirkt allein auf der Ebene der Familienselektion. Speziesistische Unterscheidungen sind gegenstandslos, weil die Spezies für die Gene keine Bedeutung hat.

3.2.2 Solidarität jenseits der Spezies

Aus der Verneinung der Konzepte Art- und Gruppen-Egoismus ergibt sich als die eigentliche und fundamentale Einheit für Selektion das Gen (vgl. EG, 50f).
Aus dieser radikalen Vereinzelung heraus wäre dann vielleicht eine andere Art von Solidarität konstruierbar: die einzelner Gene, die sich bzw. ihre Kopien auch außerhalb der Familie - ja sogar in anderen Arten wiederfinden (z.B. die braune Augenfarbe bei Wolf und Bär).
Doch die Individuen als Überlebensmaschinen oder Vehikel werden immer von Gen-Gruppen geteilt (nicht von denen für Augenfarbe allein), und Agens ist nicht das einzelne Gen, sondern immer der Körper als Behältnis einer einzigartigen Gen-Kombination. Solidarität, Loyalität oder Altruismus kann es nur auf Ebene der Individuen geben, und dies im Zusammenhang mit deren Verwandtschaftsgrad. Berücksichtigt werden also nicht einzelne verwandte Gene, sondern nur die dem Individuum ähnlichen Gen-Kombinationen (i.e. Familienmitglieder, die einen bestimmten Prozentsatz von Genen miteinander teilen).

Speziesismus kann also nicht deshalb zurückgewiesen werden, weil Gen-Verwandtschaft auch über Artgrenzen hin bestünde.

3.2.3 Ein Perspektivenwechsel

Trotzdem rekurriert Dawkins an anderer Stelle ("Barrieren im Kopf" in: Menschenrechte für die großen Menschenaffen: Das Great Ape Project, 131f) auf die Durchlässigkeit von Artgrenzen und ihre Konsequenzen für den "diskontinuierlichen Geist" anhand von Ringspezies oder in der Veranschaulichung einer Kette vom derzeitigen Menschen bzw. Schimpansen zum gemeinsamen Vorfahren.
"Wir müssten nur einen einzigen überlebenden Australopithecus im Wald von Budongo entdecken, und unser gesamtes geheiligtes System der Normen und der Ethik würde über uns zusammenstürzen. Die Barrieren, mit denen wir unsere Welt aufspalten, würden krachend in sich zusammenfallen. Rassismus und Speziesismus würden sich in einem halsstarrigen und bösartigen Durcheinander miteinander vermischen" (BiK, 133).

4. Solidarität jenseits von Verwandtschaft und Reziprozität

Gene determinieren uns und unser Verhalten – jedoch nur in einem statistischen Sinn. Wir unterliegen keiner genetischen Determination, sondern können auch gegen genetische Prädispositionen handeln.
"Es ist ein Trugschluss – nebenbei gesagt ein sehr häufiger – anzunehmen, dass genetisch ererbte Merkmale per definitionem feststehend und unveränderbar sind." (EG, 38, vgl. 334, 495f).

Neben den Genen führt Dawkins eine zweite Art von Replikatoren an: das Mem als fundamentale Einheit kultureller Evolution (insbesondere in Form von Gedanken oder Ideen).
(Der Raum, den diese Meme bevölkern, erinnert an Poppers Welt 3 oder auch an Luhmanns Kommunikationssysteme, für die Menschen nur als Adressen fungieren.)
Meme bringen die Fähigkeit zu vorausschauendem Denken einerseits und zu "echtem, uneigennützigem, aufrichtigem Altruismus" mit sich (EG, 333).
"Wir haben die Macht, den egoistischen Genen unserer Geburt und, wenn nötig, auch den egoistischen Memen unserer Erziehung zu trotzen. Wir können sogar erörtern, auf welche Weise sich bewusst ein reiner, selbstloser Altruismus kultivieren und pflegen lässt – etwas, für das es in der Natur keinen Raum gibt […]. Wir sind als Genmaschinen gebaut und werden als Memmaschinen erzogen, aber wir haben die Macht, uns unseren Schöpfern entgegenzustellen. Als einzige Lebewesen auf der Erde können wir uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen" (EG, 334).

Die memetische Evolution ermöglicht uns das Erkennen verwandter Gene (und relevanter Strukturen) in anderen Arten und die damit korrespondierende Ausbildung von Empathie für andere Spezies. Ein Ansatzpunkt findet sich in Dawkins' Aufsatz "Barrieren im Kopf".

Wir haben (durch Meme) die durch Familienselektion begrenzte Loyalität auf alle Menschen "ohne irgendeine Unterscheidung, wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht [...] oder sonstigen Umständen" ausgedehnt (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 2). Andererseits errichteten wir metaphysische Barrieren zwischen uns und der Tierwelt, eine kategorische, im Wortsinne 'geheiligte' Körper-Geist- bzw. Körper-Seele-Differenz (beruhend auf Vernunft bzw. Gottesebenbildlichkeit, vgl. EG, 49).

"Die speziesistische Vorstellung, die hier lauert, ist sehr einfach. Menschen sind Menschen, und Gorillas sind Tiere. […] Diese Art des Denkens kennzeichnet das, was ich einen diskontinuierlichen Geist nennen möchte" (BiK, 126f).
"Für den diskontinuierlichen Geist ist der Begriff 'menschlich' etwas Absolutes"
(BiK, 129).

Die unterschiedliche Kategorisierung von Mensch und Tier rechtfertigt deren unterschiedliche Wertung und Behandlung. Tiere haben einen in Geldwert ausdrückbaren Preis, Menschen haben Würde.
Das "Great Ape Project" (GAP) fordert nun die Aufhebung dieser Barriere für die Großen Menschenaffen. Denn "es gibt keine natürliche Kategorie, zu der Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans gehören, nicht aber der Mensch" (BiK, 129).
Man könnte einwenden: warum auf Verwandtschaft abstellen und nicht besser auf andere Merkmale wie Intelligenz oder Leidensfähigkeit? Die Erweiterung des berücksichtigungsfähigen Kreises auf die uns ähnlichsten Arten verschiebt nur die Kluft, lässt deren Bestehen aber unangetastet.

"Wenn wir doppelte Maßstäbe rechtfertigen wollen, wenn also die Gesellschaft darüber übereinkommt, dass Menschen besser behandelt werden sollten als etwa Kühe (Kühe dürfen gekocht und gegessen werden, Menschen nicht), dann muss es dafür triftigere Gründe geben als die Verwandtschaft. Menschen sind zwar im Klassifizierungssystem von Kühen weit entfernt, aber ist es nicht sehr viel wichtiger, dass wir intelligenter sind als sie? Oder noch besser, wir folgen Jeremy Bentham, der gesagt hat, Menschen seien leidensfähiger als Tiere - dass Kühe, auch wenn sie den Schmerz ebenso verabscheuen wie Menschen (und warum in aller Welt sollten wir daran zweifeln?), nicht wissen, was auf sie zukommt?" (BiK, 133)

Dawkins pflichtet diesem Argument bei, sieht jedoch derzeit noch nicht die Möglichkeit einer auf den Grad der Leidensfähigkeit gegründeten Ausweitung des moralischen Universums.
"Ja, in einer idealen Welt sollten wir bessere Gründe als die Verwandtschaft vorweisen, dafür etwa, dass wir das Fleischessen dem Kannibalismus vorziehen" (BiK, 134).
Aber unter den herrschenden diskontinuierlich geprägten Moralvorstellungen, unter "einem diskontinuierlichen speziesistischen Imperativ" (BiK, 134) ist es "noch zu früh, eine quantitative kontinuierliche dynamische Moral zu fordern" (BiK, 135), also die Berücksichtigung graduell abgestufter relevanter Eigenschaften statt kategorischer Differenzen.

"Ich habe erklärt, dass die Kluft zwischen Menschen und 'Menschenaffen', die wir in unserer Vorstellung aufbauen, bedauerlich ist. Ich habe auch erklärt, dass die gegenwärtige Position dieser geheiligten Kluft in jedem Fall willkürlich ist; sie ist das Ergebnis des evolutionären Zufalls. Wenn es andere Voraussetzungen für Überleben und Aussterben gegeben hätte, dann würde sich diese Kluft an einer anderen Stelle befinden. Auf der Laune des Zufalls basierende ethische Grundsätze sollten nicht so angesehen werden, als seien sie in Stein gemeißelt" (BiK, 135).


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