Autopoiesis und Ökologie bei Niklas Luhmann

Home >> Autopoiesis und Ökologie bei Niklas Luhmann

Die Darstellung der ökologischen Selbstgefährdung funktional differenzierter Gesellschaften in Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme

1. Einleitung:
Die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften als Gegenstand der Soziologie

2. Gesellschaft als sinnverarbeitendes System
2.1 Komplexität und Kontingenz
2.2 Beobachtung als Operationsweise sinnverarbeitender Systeme
2.2.1 Beobachtung als Einheit von distinction und indication
2.2.2 Die Paradoxie des re-entry
2.2.3 Beobachtung zweiter Ordnung als Grundoperation der Moderne
2.3 Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung
2.4 Kommunikation als Element sozialer Systeme
2.5 Medien, Codes und Programme
2.6 Der Ausschluß nicht-kommunikativen Handelns aus der Theorie sozialer Systeme

3. Gesellschaft als Einheit der Differenz autopoietischer Funktionssysteme und struktureller Kopplungen
3.1 Funktionale Differenzierung als primäre Differenzierungsform moderner Gesellschaften
3.2 Die evolutionstheoretische Sicht auf die Ausdifferenzierung der Funktionssysteme
3.3 Strukturelle Kopplung und Interpenetration
3.3.1 Strukturelle Kopplung
3.3.2 Interpenetration
3.4 Integration versus Autonomie

4. Risiko und Gefahr als zentrale Aspekte ökologischer Selbstgefährdung
4.1 Zur Riskanz von Beobachtungen und Leitdifferenzen
4.2 Die Beschränkung des Risikobegriffs auf Kommunikation
4.3 Die Ungewißheit der Zukunft
4.4 Riskante Entscheidungen
4.5 Risiken, Gefahren und ihre Bewertung
4.6 Neue Risiken und die Diffusion von Verantwortung und Betroffenheit

5. Natur und Umwelt
5.1 Die systemtheoretische Konzeption von Natur
5.2 Die Ökologie des Nichtwissens

6. Die Entstehung ökologischer Gefährdungen in Wissenschaft und Wirtschaft
6.1 Wissenschaft und Technik
6.1.1 Wissenschaft
6.1.2 Technik
6.1.3 Die Kopplung von Wissenschaft und Technik
6.2 Wirtschaft
6.3 Die Rolle der Massenmedien

7. Zur Steuerungsproblematik
7.1 Intervention unter dem Paradigma der Autopoiese
7.2 Politik als steuerndes Subsystem?
7.3 Steuerung durch Recht?

8. Protestgruppen und der Ruf nach einer neuen Ethik
8.1 Moral - das tertium non datur der funktionalen Differenzierung
8.2 Protest als Immunreaktion

9. Ausblick:
Möglichkeiten und Grenzen der Theorie sozialer Systeme
9.1 Die funktional-strukturelle Theorie autopoietischer Systeme als neues Paradigma der Soziologie?
9.2 Die Beschreibung der ökologischen Selbstgefährdung moderner Gesellschaften

Literatur

1. Einleitung: Die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften als Gegenstand der Soziologie

In immer mehr Bereichen zeichnen sich anthropogene Umweltveränderungen ab, die sich zunehmend auch auf die menschlichen Lebensgrundlagen auswirken. Zurückzuführen ist diese Entwicklung teils auf kumuliertes Alltagshandeln im business as usual, teils auf Entscheidungen über Entwicklung und Anwendung neuer riskanter Technologien, teils auf die bewußt intendierte Anpassung der Umwelt an unsere Bedürfnisse und ihre Nutzung.

Ökologische Probleme, die sich auf die außergesellschaftliche Umwelt beziehen, haben in den letzten Jahrzehnten exponentiell zugenommen. Einzelne Komponenten aggregieren sich zu multifaktoriellen Einflüssen. Eingriffe in die Umwelt zeitigen unvorhersagbare Konsequenzen und sind in ihrem Wirkungsgrad nicht mehr überschaubar.

In Bezug auf die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften waren soziologische Theorien durch die Beschränkung auf innergesellschaftliche Perspektiven bis vor wenigen Jahren blind1. "Der ökologische Zusammenhang von Natur und Gesellschaft wurde nicht thematisiert"2. Ulrich Beck spricht in Anlehnung an Günther Anders von "Apokalypse-Blindheit", und zwar als apodiktisches Wesensmerkmal von Soziologie als Wissenschaft von den sozialen Tatsachen3. Ohne eine grundlegende Kurskorrektur ist ein Zugang zur ökologischen Problematik nicht zu erwarten4.

Natur muß in die Selbstbeschreibung der Gesellschaft aufgenommen werden, nicht nur deshalb, weil ökologische Veränderungen in den letzten Jahren einen nicht mehr zu übersehenden Platz unter den Themen gesellschaftlicher Kommunikation eingenommen haben, wodurch alle Sozialformen zusätzlich belastet werden5. Daß die Belastung der Natur verringert werden muß, ist nicht mehr zu bestreiten. Fraglich ist, ob ein allein an gesellschaftlichen Bedürfnissen orientierter rationalerer Gebrauch von Umweltressourcen dieser Entwicklung Einhalt gebieten kann.

In dieser deskriptiv-analytischen und im wesentlichen textimmanent ausgerichteten Arbeit soll untersucht werden, inwieweit die Theorie sozialer Systeme von ihrer konzeptionellen Verfassung her in der Lage ist, die Gefährdung der Gesamtgesellschaft durch die Diversifikation in eigenlogische Teilsysteme systemtheoretisch zu reformulieren, und wo ihre Schwierigkeiten liegen.

Die De-Ontologisierung von Realität im Gefolge des Paradigmenwechsels zu einer konstruktivistischen Soziokybernetik zweiter Ordnung, die Ablösung von Handlung als Element sozialer Systeme durch Kommunikation und die autopoietische Abkopplung der Systeme von der Umwelt ohne Rückversicherung durch evolutionäre Anpassung stellen gravierende Hindernisse für eine adäquate Beschreibung der ökologischen Krise dar.

Vorrangig wird die Perspektive auf die Gesellschaft mit ihren Funktionssystemen sowie auf die Neuen Sozialen Bewegungen, soweit sie ökologische Probleme thematisieren, eingenommen. Organisationen werden hier nur insoweit behandelt, als es das Verständnis der gesellschaftlichen und teilsystemischen Mechanismen erfordert.

nach oben Kapitel 2

Anmerkungen

(1) Vgl. Luhmann 1986: 11-18.

(2) Luhmann 1996b: 47.

(3) Vgl. Beck 1988: 128; vgl. Anders 1988: 233-324.

(4) Vgl. Beck 1988: 70.

(5) Vgl. Luhmann 1992f: 191.

nach oben Kapitel 2

Netzaehler.de