Autopoiesis und Ökologie bei Niklas Luhmann

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4. Risiko und Gefahr als zentrale Aspekte ökologischer Selbstgefährdung

"Sieht man die Gesellschaft als Einheit, ist sie die Einheit von intendierten und nichtintendierten Handlungsfolgen. [...] Die kritische Frage muß dann lauten: wie beobachtet und beschreibt die Gesellschaft die Operationen, mit denen sie in der Zeit Irreversibilitäten erzeugt? Und eine unter vielen Antworten könnte lauten: mit Hilfe der Differenz von Risiko und Gefahr"1.

Innerhalb der ökologischen Problematik nehmen Risiken einen prominenten Platz ein, trotzdem sind ökologische Schäden nicht vollständig auf die Riskanz von Entscheidungen reduzierbar: nämlich dann nicht, wenn die Umweltveränderung nicht nur in Kauf genommen, sondern direkt intendiert ist und auch keine positive Rückkopplung in gesellschaftlichen Teilsystemen oder in der Gesellschaft als ganzer zeitigt, also unmittelbar nicht als Schaden erkennbar und kommunikabel ist2.

Angesichts der Selbstgefährdung moderner Gesellschaften versagt die regulative Kraft der Subsysteme Wirtschaft und Recht, mittels Knappheit bzw. Normen Unsicherheit zu bearbeiten und Zukunft durch die Bindung an gegenwärtige Entscheidungen und Strukturen berechenbar zu machen. Die Monetarisierung der Wirtschaft und die Positivierung des Rechts haben einen Differenzierungsgrad erreicht, der für teilsystemspezifische Irritationen hochsensibel ist und diese in der Regel bewältigen kann. Wirtschaft und Recht kontrollieren so ihre Veränderungen, schränken Kontingenz ein und binden Zukunft3. Für den Umgang mit künftigen Unsicherheiten oder Schäden, die sich systemübergreifend auswirken, ist das Instrumentarium nicht ausreichend entwickelt. Während Recht und Wirtschaft graduelle künftige Änderungen bearbeiten können, geht es in der Risikoperspektive um ein Höchstmaß an Unsicherheit und Schäden4. Luhmann schließt daraus auch, "daß man nicht sehen kann, wie auf das Problem der sozialen Konsequenzen riskanten Verhaltens in ähnlich systembildenden Formen reagiert werden könnte"5. Ebensowenig können Risiken mit Organisation bewältigt werden. Organisierbar sind nur Schadensausmaße, die weit unter dem höchst unwahrscheinlichen, dann aber katastrophalen größten anzunehmenden Unfall bleiben.

Luhmann geht es jedoch nicht nur um technische und versicherungsbezogene Schäden, sondern um die Normalität des Entscheidens unter Unsicherheit. Risiken sind weder auf Informationsdefizite zurückzuführen noch durch ein Mehr an Ordnung beherrschbar6. Kausalitäten, die Systeme in ihrer Umwelt auslösen, liegen prinzipiell außerhalb der eigenen Kontrolle7. Diese scheitert sachlich an der Komplexität der Umwelt, zeitlich am "Gesetz der elementaren Gleichzeitigkeit"8. Nur im Nachhinein können Eingriffe in die Umwelt korrigiert werden. Diese Nachbesserungen sind in ihrer Auswirkung wiederum nicht prognostizierbar und daher selbst riskant.

4.1 Zur Riskanz von Beobachtungen und Leitdifferenzen

Luhmann verortet Riskanz nicht erst in der Anwendung bestimmter Technologien, sondern bereits in der Struktur von Beobachtung9, insbesondere in der Leitunterscheidung der Funktionssysteme.

Ebenso wie es Irritationen und Informationen nur innerhalb von Systemen gibt, kennt die Außenwelt auch keine Risiken10. Jede Beobachtung ist doppelt riskant: hinsichtlich der Wahl der Unterscheidung und der Wahl der benannten Seite11. Jede Unterscheidung impliziert Blindheit für alle anderen möglichen Unterscheidungen und gleichzeitig Blindheit für die Kontingenz der getroffenen Wahl. Codierung trägt so eine "immense Steigerung der Riskanz von Systemoperationen"12 in sich. Jede kommunikative Festlegung - Handlung oder Entscheidung - ist selektiv kontingent in einer intransparenten hyperkomplexen Welt und damit riskant.

Die binäre Codierung und Festlegung auf eine einzige Leitdifferenz steigert durch Spezialisierung Komplexität und Handlungspotential der Gesellschaft sowie die funktionssystemische Effizienz. Die damit erreichte Elastizität wird aber wegen der Bindung an systemspezifische Codierungen und vorgegebene Aspekte "mit einer eigentümlichen Starrheit ihrer Rahmenbedingungen bezahlt"13. Die Reduktion von Umweltkomplexität impliziert auch ein erhöhtes Risiko des Auffindens richtiger Lösungen. Das Risiko des Scheiterns regt wiederum zur Strukturbildung an, die auf Risikoübernahme und Arbeit an den Folgen angewiesen ist. Systeme transformieren Risiken in Chancen und externalisieren Gefahren mit dem Risiko der Rückkopplung in die Umwelt14.

Kein Funktionssystem kann hinter seine Leitunterscheidung zurückgehen. Die Blindheit für alle anderen Betrachtungsweisen und Themen ist konstitutiv vorgegeben. Die Systeme können sich aufgrund dieser strukturellen Indifferenz nicht an den Folgewirkungen in anderen Systemen, sondern nur an innersystemisch wirksamen feedbacks orientieren.

Systeme schaffen damit neben Entwicklungsoptionen auch Gefährdungseffekte für andere Systeme. Intersystemische Risikokommunikation scheitert an der Inkommensurabilität der teilsystemischen Sprachen. Auch externe Richtigkeitskriterien und Autoritäten können wegen der operativen Schließung der heterarch-egalitären Teilsysteme keinen Rückhalt mehr bieten. Es bleibt nur die Beobachtung der Beobachtungsweise anderer Systeme. Diese Art, mit Risiken umzugehen, ist wiederum riskant.

Die Entstehung immanenter Risikolagen durch Beobachtung und Leitunterscheidung wird zum zentralen Aspekt von Risiko. Dieser Fokus bezieht sich auf eine tiefere Ebene als die herkömmliche Diskussion und setzt sich von objektivistischen Konzeptionen ab. Allerdings erfaßt er für sich genommen die Emergenz neuartiger und entgrenzter Risiken nur unzureichend.

4.2 Die Beschränkung des Risikobegriffs auf Kommunikation

"Nur Kommunikation über Technik und vor allem: Kommunikation von Entscheidungen über Einsetzen oder Nicht-Einsetzen von Technik ist riskant"15. Primär riskant sind in dieser Sichtweise nicht Hochtechnologien, sondern Entscheidungen, die sich an Sicherheitserwartungen orientieren. "Selbst Tatsachen haben Kommunikationswirkungen nur als Feststellung von Tatsachen"16. Es gibt für soziale Systeme nur Tatsachen, die ihren Niederschlag in Kommunikationen finden. In einer Gesellschaft, die aus Kommunikationen besteht, kann es nur um Kommunikationen gehen.

Operativ sind Systeme frei von direkten Umwelteinflüssen. Umweltveränderungen können ignoriert oder hingenommen werden ohne sie zum Thema zu machen17. Für Kommunikation über Umweltveränderungen besteht kein Handlungszwang, solange Rückwirkungen ignoriert werden können. Jedoch ist die materiale Umweltabhängigkeit der Systeme immer mitzudenken. Jedes Ereignis wird nur als Gegenstand von Kommunikation gesellschaftlich relevant - über seine direkte Bedeutung als Schadensfall hinaus. Energetisch ist die objektiv vorhandene Umwelt reale Bedingung der Möglichkeit der systemischen Autopoiese, unabhängig von Wahrnehmung, Erkenntnis oder Kommunikation. Auf dieser Ebene können physikalische und chemische Umwelteinflüsse soziale Systeme auch beeinträchtigen oder zerstören18.

Die Inkongruenz zwischen Umweltbedingungen und Systemstrukturen läßt wenig Hoffnung: "Die Regelung der Kommunikation im System ist etwas anderes als dessen Reaktion auf Veränderungen in der Umwelt"19. Ökologische Gefährdung wird als rein gesellschaftsinternes kommunikatives Phänomen konzipiert, als Kommunikation über Umwelt, "die eine Änderung von Strukturen des Kommunikationssystems Gesellschaft zu veranlassen sucht"20. Das müssen nicht Kommunikationen über "objektive" Risiken sein. Gefährlich sind nicht die Themen, sondern die Kommunikationen selbst. Es geht nicht um die technischen Objektivationen, die als konstruierte Wirklichkeit das Leben bestimmen, sondern um irritierende und strukturverändernde Kommunikationen selbst. Gesellschaft als System sinnhafter Kommunikationen "kann sich also nur selbst gefährden"21. Solange nicht über objektive Tatbestände (chemischer, physikalischer oder biologischer Art) kommuniziert wird, hat dies keine gesellschaftlichen, i. e. kommunikativen, Auswirkungen.

4.3 Die Ungewißheit der Zukunft

Risiken und Gefahren bezeichnen mögliche künftige Schäden und problematisieren so Zukunft22. Die Ungewißheit künftiger Gegenwarten basiert auf der Selbstreferentialität der Operationen: jede Operation bestätigt, verändert aber auch die Systemstrukturen und setzt neue Anschlußbedingungen für folgende Operationen. Die Differenz zwischen künftigen Gegenwarten und je gegenwärtiger Zukunft wirkt sich als Schaden in Form von Ängsten und Vorsorgemaßnahmen bereits in der Gegenwart aus. Versicherungen profitieren davon. Um künftige Schäden zu minimieren oder abzuwenden, werden Präventionsrisiken eingegangen, die Primärrisiken auffangen und Risiken verteilen23. Durch den re-entry der Differenz von Gegenwart und Zukunft in die Gegenwart und durch den Versuch, diese Differenz in Entscheidungen zu berücksichtigen, werden Entscheidungen über Risiken doppelt riskant: als Entscheidungen per se und bezüglich der Risiken, um die es geht24. Die Reversibilität unerwünschter Handlungsfolgen wird immer mehr zur Bedingung für die Akzeptanz riskanter Entscheidungen25.

In der gegenwärtigen Zukunft können zwar Entscheidungsfolgen einkalkuliert werden, doch die Zukunft ist von keinem Beobachterstandpunkt aus erschließbar. Sie muß als Entscheidungsfolge bestimmt werden, ohne sie zu kennen. Diese Unkenntnis kann sich nicht mehr auf "Informationsdefizite" berufen, wie es Rational-Choice-Theorien suggerieren26. Die Differenz zwischen gegenwärtigen Zukünften und zukünftigen Gegenwarten macht jede zukunftsorientierte Rationalität unmöglich. "Sicherheit" wird zur Leerformel, zum bloßen Reflexionsbegriff27. Zukunft selbst wird in modernen Gesellschaften mit Risiko gleichgesetzt.

Sicherheit kann auch nicht mehr sachlich auf die objektive Fehlerfreiheit von technischen Systemen bezogen werden. Die übliche Definition von Störungen als abweichend vom Normalfall oder deren Rückführung auf "menschliches Versagen" verhindert Lernprozesse. Sicherheitserwartungen absorbieren Unsicherheit, steigern sie aber auch, weil Aufmerksamkeit und Überraschungsbereitschaft sinken. Trotzdem sind sie für die Handlungsfähigkeit unabdingbar. Nur durch Ausblendung etwaiger kontraintuitiver Handlungsfolgen kann die paradoxale Unsicherheit asymmetrisiert werden. Die Berücksichtigung aller Konsequenzen - auch solcher der Handlungsunterlassung - würde in einen infiniten Regreß führen. Trotz Unsicherheit und Paradoxie muß entschieden werden. Die Unterscheidung Sicherheit/Unsicherheit bleibt deshalb für Beobachter erster Ordnung unerläßlich, erst die Beobachtung zweiter Ordnung sieht ihre latente Einheit als Unsicherheit.

4.4 Riskante Entscheidungen

Entscheidungen thematisieren im Gegensatz zu Handlungen ihre eigene Kontingenz und finden ihre Einheit - von Erwartungskonformität und Abweichung - darin, daß sie sich trotzdem zu eindeutiger Form bestimmen.

Jede Entscheidung hat mit einer doppelten Unsicherheit umzugehen: sachlich mit der beiderseitigen Ungewißheit in Bezug auf Information und Folgen, zeitlich mit der immer neuen Kontingenz - vor der Entscheidung unbestimmt in Bezug auf die Offenheit der Entscheidung, nachher bestimmt in Bezug auf die nicht gewählte Alternative28.

Entscheidungen und Unterlassungen sind gleichermaßen riskant29. Es geht mithin nicht um die Alternative zwischen Risiko und Nichtrisiko, sondern immer um die Wahl zwischen zwei Risiken. Die Riskanz von Unterlassungen bezieht sich dabei nicht nur auf entgangene Chancen: Systeme, die keine Risiken eingehen, verlieren durch Optionsdefizite an Komplexität und Elastizität: "The highest risk of all is no risk at all"30.

Erst nach Asymmetrisierung durch unterschiedliche Gewichtung beider Seiten kann die Autopoiese fortgesetzt werden, anschließend an der Seite mit dem als geringer eingeschätzten Risiko. Strukturell können Entscheidungsprämissen ohne Prüfung ihrer Richtigkeit übernommen werden, dies jedoch mit dem Risiko der Unaufmerksamkeit. Resultate validieren sich selbst als bekannte Welt31. Irritierend wirken nur unvorhersehbare Ereignisse. Prozessual werden Unsicherheitsabsorptionen rekursiv von vorhergehenden Operationen übernommen und an nachfolgende weitergereicht. Motivational wirkt die irrationale Kontingenzentlastung durch Systemvertrauen32 oder Werte. "Rest"-Risiken können so kategorisiert werden, daß sie zugrundeliegende Logik nicht in Frage stellen33. Die Paradoxie der Entscheidung wird invisibilisiert und durch eine konstruierte Asymmetrie, die institutionalisierte Deutungsvorräte nahelegt, überlagert. Zeitlich führt das Auseinanderziehen in eine temporale Differenz aus der Aporie: zuerst wird - unter Ausblendung von Unsicherheit - entschieden, die Folgenkontrolle wird nachträglich durchgeführt. Rationalität kann nicht mehr Leitkriterium für Entscheidungen sein. Statt dessen wird Rationalität selbst riskant, wenn wegen des Zeitaufwands Gelegenheiten verpaßt werden. Auch die Wahl des richtigen Zeitpunktes für Entscheidungen ist riskant34.

Die Orientierung auf Risiko löst die Orientierung auf Rationalität ab. Universelle Rationalitätsprämissen gelten nicht mehr, ihren Platz nimmt Risiko als universelle Paradoxie ein. Risiko wird zu einer Beschreibungsformel moderner Gesellschaften35.

Die Riskanz von Entscheidungen lenkt den Blick besonders auf die Organisationsebene: Organisationen operieren typisch auf der Basis der Kommunikation von Entscheidungen. Sie produzieren Episoden von Entscheidungen, Entscheidungsmöglichkeiten und Entscheidungsbedarf aus Entscheidungen36. Entscheidungen ermöglichen, aber determinieren nicht nachfolgende Entscheidungen. Organisationen verwenden eine spezielle Form der Unsicherheitsabsorption, eine Möglichkeit, die auf Gesellschaftsebene nicht besteht. Sie gehen von vorgängigen Entscheidungen aus, zergliedern den Prozeß in Einzelschritte und Zuständigkeitsbereiche. Die Differenz von Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit wird stückweise asymmetrisiert. Einzelentscheidungen können dann als vorgegebene Tatsachen behandelt werden, die nicht erneut auf ihre Riskanz geprüft werden müssen37. Es entsteht eine illusion of control, zunächst bezogen auf Einzelentscheidungen, dann ausgeweitet auf das Ganze38. Unsicherheitsabsorption erzeugt so wiederum neue Riskanz39. Die Riskanz der Gesamtentscheidung gerät aus dem Blick.

4.5 Risiken, Gefahren und ihre Bewertung

Statt Bedingungen für eine Sicherheit festzulegen, die nie erreichbar ist, fokussiert Luhmann die soziale Attribution riskanter Entscheidungen: "Im Falle von Selbstzurechnung handelt es sich um Risiken, im Falle von Fremdzurechnung um Gefahren"40. Zwischen Risiko und Gefahr besteht Asymmetrie: Nur auf der Entscheidungsseite liegt Kontingenz vor. Gefährlich sind naturbedingte Ereignisse oder riskante Entscheidungen anderer. Doch beide Seiten beziehen sich in ihren Erwartungen auf die illusion of control, daß Schäden nicht eintreten, bzw. daß erwartungsgemäß mit Risiken umgegangen wird.

Die Sachdimension wird durch das Auseinanderdriften von Sozial- und Zeitdimension kontingent41. Daß künftige Zustände immer nur mehr oder weniger wahrscheinlich sind, eröffnet Interpretationsspielräume und Dissensmöglichkeiten. Die feste Kopplung zweier zeitlicher Kontingenzlagen - Entscheidung und möglicher Schaden - provoziert soziale Kontingenzen als Möglichkeit der Divergenz42. Die Differenz von Risiko und Gefahr, der Dissens zwischen Entscheidern und Betroffenen, ist nicht in einer Gesamtschau aufhebbar. Im Gegenteil: Beide Aspekte können am selben Sachverhalt und in Mischperspektiven auftreten43. Weder gibt es einen Standpunkt, "von dem aus Risiken richtig und für andere verbindlich eingeschätzt werden können"44 noch einen gemeinsamen Nenner, auf den man sich verständigen könnte. Rationalität wird selbst kontingent und subjektiv.

Risikokalküle sollen Unsicherheit erfassen und sie versicherbar machen45 und dienen damit auch der Ausdehnung des Bereichs rationalen Handelns46. Sie unterstützen aber auch die - irrationale - Verschleierung von Risiken und die Rechtfertigung bei Schadenseintritt.

Risikokalküle setzen die kulturelle Akzeptanz voraus, die sie erst erzeugen sollen47. Im Alltagshandeln sind sie eher bedeutungslos. Menschen handeln in der Regel nicht nach allgemeinverbindlicher Rationalität48. Die konventionelle Risikoformel Schadenshöhe * Wahrscheinlichkeit wird untauglich, wo Experten auf Wahrscheinlichkeiten achten, Betroffene aber auf das Schadensausmaß und ihre Möglichkeiten, damit umzugehen49.

"Die Rationalität der Experten ist irrational, denn sie bleibt blind für nicht-quantifizierbare Schadensverläufe und -auswirkungen; die Irrationalität der Laien ist rational, denn sie erfaßt intuitiv ebendiesen Aspekt riskanter Großtechnologien"50.

Extreme Schäden lassen sich nicht durch ein Höchstmaß an Unwahrscheinlichkeit kompensieren. Jenseits der - nach Bevölkerungsgruppen unterschiedlich ausfallenden - Katastrophenschwelle werden quantitative Analysen nicht mehr anerkannt51. Die Lage dieser Schwelle bestimmt sich maßgeblich nach dem locus of control, danach, ob Unsicherheit als Risiko oder als Gefahr wahrgenommen wird. Der signifikante Unterschied liegt darin, daß man eigene Risiken freiwillig und als Subjekt der Entscheidung eingeht, fremden Entscheidungen aber als Objekt ausgeliefert ist. Gegenüber den Verursachern von Gefährdungen erhebt man Forderungen nach rationaler Abwägung in einem Ausmaß, dem das eigene Risikoverhalten nie gerecht werden könnte. Auch hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts unterscheidet sich die Einschätzung, da man die Folgen eigenen Handelns glaubt kontrollieren zu können. Daraus läßt sich aber nicht die Forderung nach Partizipation und Information ableiten: Niemals können alle Betroffenen an Entscheidungen beteiligt werden, und selbst in diesem Falle wäre ein Konsens zwischen stärker und schwächer Betroffenen bzw. Nicht-Betroffenen nicht zu erreichen52.

4.6 Neue Risiken und die Diffusion von Verantwortung und Betroffenheit

Beck beschreibt die moderne Gesellschaft als Risikogesellschaft, weil anthropogene Gefährdungslagen zu früheren naturgegebenen Gefahren hinzukommen. Risiko ist für ihn genuines Kennzeichen moderner Industriegesellschaften53. Die Risiken der modernen Hochtechnologien sind evolutionäre Risiken, sie verändern ihre Kontextbedingungen54. Die in vormodernen Gesellschaften gegebene Zeitbindung mittels Konklusion von Vergangenheit auf Zukunft aufgrund von Gesetzmäßigkeiten und statistischen Kalkulationen verliert angesichts moderner Gefahren an Bedeutung, da diesbezügliche Erfahrungen wegen des Katastrophencharakters der Schäden weder zureichend noch kontinuierbar sind. Technologisch bedingte ökologische Schäden zeichnen sich durch eine neuartige raum-zeitliche Entgrenzung aus: Früher waren technische Unfälle begrenzt und wurden durch in der Natur vorherrschende lose Kopplungen absorbiert. Heute können kleinste Veränderungen zu überregionalen, auch globalen, Effekten akkumulieren, die erst mit Zeitverzögerung sichtbar werden. An eine finanzielle Kompensation im worst case ist nicht mehr zu denken: solche Schäden sind nicht mehr versicherbar. Globalisierung ist wie Zukunft selbst zum Risiko geworden und erschwert ein Eingreifen in die autonom operierenden weltumspannenden Systeme, die unüberschaubar groß geworden sind.

Auch sozial tendieren diese Risiken zur Entgrenzung. Vernichtungsgefahren stehen orthogonal zur System/Umwelt-Unterscheidung, sie treffen Entscheider und Außenstehende gleichermaßen, auch unabhängig vom sozialen Status. Auf lange Sicht wird die ökologische Kontroverse die Differenz zwischen Kapitalismus und Sozialismus ablösen55.

Für die Darstellung ökologischer Gefährdungslagen ist das Risiko/Gefahr-Schema ungeeignet, weil es sachbezogene Differenzierungen nicht erlaubt. Nur eine zweistufige Unterscheidung, eine weitere Kontrastierung von genuin natürlichen und auf menschliches Handeln zurechenbaren Gefahren, könnte die Spezifität ökologischer Gefährdungen präziser fassen. Allerdings werden auch Naturkatastrophen zunehmend von Menschen mitverursacht56. Mit Wissen und Technologie wachsen Einflußmöglichkeiten. Was zuvor gefährlich war, wird nun riskant und erfordert durchdachte Entscheidungen. Moderne Gesellschaften stellen sich generell von Gefahr auf Risiko um: Gefahren werden durch Entscheidungen in Risiken transformiert57. Mehr als zuvor wird die Kontingenz und Entscheidungsabhängigkeit von Entwicklungen offenkundig58. Doch weil Risiken ebenso als Gefahren beobachtbar sind, gilt auch die Umkehrung: Die Risikogesellschaft ist mehr noch eine Gefahrengesellschaft. Spätindustrielle Großgefahren werden "gleichsam zivilisatorisch zugewiesen"59.

Auch die multifaktorielle Bedingtheit entscheidungsabhängiger Gefährdungslagen und die Interferenz einzelner Faktoren kann das Risiko/Gefahr-Schema nicht erfassen60. Die Gleichzeitigkeit mehrerer Entscheidungen macht es hochunwahrscheinlich, daß Folgen, so wie intendiert, auch eintreten. Statt dessen kommt es zu eigendynamischen Konstellationen, Entscheidungen müssen Fremdeinflüsse a priori mit einkalkulieren. In einer "Welt des zu akzeptierenden Risikobewußtseins"61 sind Appelle an verantwortliche Stellen aussichtslos. "Statt dessen wird [...] die Kommunikation von Nichtwissen (in Organisationen: die Kommunikation von Unzuständigkeit) legitimiert"62. Unter Berufung auf die Unmöglichkeit gesicherter Erkenntnis stellt "die Kommunikation von Nichtwissen [...] von Verantwortung frei. [...] Wer Nichtwissen kommuniziert, ist schon dadurch entschuldigt"63.

Das Verursacherprinzip verliert an Trennschärfe. Entscheider und Betroffene können sich wechselweise auf beiden Seiten finden. Konsumenten und Nutzer von Technologien sind kollektiv unterstützend an der Weiterentwicklung riskanter Technologien beteiligt. Wer individuell als Betroffener erscheinen mag, beeinflußt die Entscheidungen anderer mit - auch wenn er sie selbst nie so treffen würde64. Forciert wird dies durch eine in funktional differenzierten Gesellschaften immens gesteigerte Selektivität der Wahrnehmung65. Im Ergebnis fallen die Kategorien der Entscheider, Nutznießer und Betroffenen auseinander, Verantwortung und Betroffenheit wird diffus, die Betroffenen werden zur amorphen Masse66.

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Anmerkungen

(1) Luhmann 1993c: 166, Herv. A.P.

(2) Vgl. Nassehi 1997: 256.

(3) Vgl. Luhmann 1991a: 59-74.

(4) Vgl. Luhmann 1995: 142. Eine ungewisse Zukunft ist nicht durch Normen oder Eigentum neutralisierbar, die auch wegen ihrer vergleichsweise kurzfristigen Ausrichtung den neuen Gefährdungslagen nicht mehr gerecht werden. Aber als Ausgleichsmechanismen bleiben sie auch in Bezug auf Risiken notwendig (vgl. ders. 1991a: 112).

(5) Luhmann 1995: 143.

(6) Risiko reflektiert "kein Ordnungserfordernis, sondern eine Fatalität" (Luhmann 1991a: 79). Die nicht auflösbare Unsicherheit wird bei ökologischen Problemen evident.

(7) Vgl. Luhmann 1992f: 213.

(8) Luhmann 1991a: 43.

(9) Vgl. Luhmann 1991a: 85-89.

(10) Vgl. Luhmann 1991a: 14f.

(11) Vgl. Luhmann 1991a: 84f.

(12) Vgl. Luhmann 1991a: 90.

(13) Luhmann 1986: 207.

(14) Etwa Erwartungen gegenüber der Wirtschaft hinsichtlich umweltverträglicher Produktionsmethoden als Folge bisheriger Externalisierungen.

(15) Luhmann 1991a: 7. Entsprechend gilt: "Die Gesellschaft kann sich nur [...] durch Kommunikationen helfen" (ders. 1992f: 211). Beck äußert hierüber Unverständnis: "Da die Gefahren gesellschaftlich nur selektiv wahrgenommen und kaum bearbeitet werden können, existieren sie nicht - jedenfalls nicht gesellschaftlich. Dies ist der Schluß vom institutionellen Bewußtsein auf das Sein" (Beck 1988: 169). Dieser Einwand erfolgt zu recht, insofern die Zentrierung auf Kommunikation nur die - kognitiv konstruierte - Hälfte der Realität wiedergibt. Doch die materiale Umwelt bleibt auch unerkannt reale Bedingung der Existenz sozialer Systeme.

(16) Luhmann 1986: 47, Herv. A.P.

(17) An die Abholzung der mediterranen Wälder und die Verkarstung der Landschaften haben wir uns gewöhnt, als sei es immer schon so gewesen (vgl. Nassehi 1997: 256).

(18) Vgl. Luhmann 1997: 753.

(19) Luhmann 1986: 133.

(20) Luhmann 1986: 62, Herv. i. O.

(21) Luhmann 1986: 63, Herv. i. O.; vgl. ebd.: 68.

(22) Vgl. Luhmann 1991a: 59.

(23) Vgl. Luhmann 1991a: 38.

(24) Vgl. Luhmann 1993c: 160.

(25) Das betrifft den Problembereich Kernkraft, aber auch gentechnische Veränderungen von Nutzpflanzen.

(26) Auch für Beck ist die Berufung auf Informationsdefizite angesichts der neuen Großgefahren nur ein Mittel zur Verschleierung ihrer Unkontrollierbarkeit (vgl. Beck 1988: 154).

(27) Vgl. Luhmann 1991a: 29.

(28) Vgl. Luhmann 1991: 402. "Dabei teilt jede kommunizierte Entscheidung zweierlei mit: was und dass entschieden wurde. Man kann auch sagen: eine Alternative und eine Festlegung" (Kaube 2000).

(29) Auch Nicht-Entscheiden als Entscheidung, eine Entscheidung nicht zu treffen, ist riskant. Auch ethisch wird die Ansicht vertreten, daß wir verpflichtet sind, im Bereich der Medizin Technologien, die uns zur Verfügung stehen, auch anzuwenden.

(30) Wildavsky 1989, zitiert nach Japp 1996: 47.

(31) Vgl. Luhmann 1997: 838.

(32) Vgl. Luhmann 1997: 313. Systemvertrauen (confidence) rechnet mit Enttäuschungen, verläßt sich aber auch auf institutionelle Sicherheiten (vgl. Luhmann 1988a). Jedoch schwindet das Vertrauen in Experten und im Gegenzug deren Autorität immer mehr. Die Differenz von Risiko- und Gefahrperspektive wird unüberbrückbar (vgl. Luhmann 1991a: 123-128). Angesichts der Entgrenzung von Risiken ist Vertrauen nicht mehr der geeignete Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität, weil Kriterien für vertrauenswürdiges Verhalten nicht mehr angebbar sind (vgl. Luhmann 1991a: 133f).

(33) Vgl. in anderem Kontext Luhmann 1997: 626. Hierzu gehört auch die Distanzierung von "schwarzen Schafen" oder der Verweis auf "menschliches Versagen" als Zeichen fehlender Kompetenz. Mit der Externalisierung von Verantwortung verliert das System auch die Möglichkeit zu lernen (vgl. Japp 1996: 129f).

(34) Vgl. Luhmann 1991a: 160-162.

(35) Vgl. Luhmann 1997: 1090-1094.

(36) Vgl. Luhmann 1997: 830. Episoden sind in diesem Sinne prozessuale Schließungen unter Selbstherstellung von Entscheidungsprämissen.

(37) Vgl. Luhmann 1991: 631.

(38) Vgl. Luhmann 1991a: 205-207.

(39) Auch die Einrichtung von Routinen verhindert Lernen, ist also kein Mechanismus, der Strukturanpassung – etwa im Sinne gesteigerter Ambiguitätstoleranz durch Auflösung bürokratischer Starrheit - unterstützen würde (vgl. Baecker 1993).

(40) Luhmann 1993c: 148.

(41) Luhmann 1993c: 139.

(42) Vgl. Luhmann 1991a: 25f. Aus dieser Divergenz emergieren Protestbewegungen (vgl. ebd.: 148).

(43) Vgl. Luhmann 1993c: 149.

(44) Luhmann 1993c: 157.

(45) Vgl. Luhmann 1991: 517.

(46) Vgl. Luhmann 1991a: 19-22.

(47) Vgl. Beck 1988: 144.

(48) - etwa als homo oeconomicus, vgl. Luhmann 1991a: 10.

(49) Vgl. Evers/Nowotny 1987: 41f; vgl. Perrow 1988: 375-378.

(50) Krohn/Krücken 1993: 31.

(51) Vgl. Luhmann 1991a: 159f. Dissens besteht auch nur bezüglich der Eintrittswahrscheinlichkeit, nicht bezüglich des möglichen Schadens (vgl. Beck 1988: 164).

(52) Die Errichtung einer Mülldeponie wird immer den Protest der Anwohner hervorrufen, doch das Gewicht der Stimmen der direkt Betroffenen wird (nicht nur politisch) zu vernachlässigen sein (vgl. Luhmann 1991a: 185).

(53) Beck 1986: 29-31; vgl. ebd.: 78; vgl. ders. 1997: 73-80.

(54) Vgl. Krohn/Krücken 1993: 21f.

(55) Vgl. Luhmann 1992f: 162. Grenzübergreifende, geographisch zugewiesene Konfliktlagen überlagern alte regionale und klassenbezogene Lagen: "Die national-betrieblichen Entscheidungsstrukturen der Gefahrenproduktion geraten in Widerspruch zu den geographisch übernationalen Lagen der Gefahrenkonsumption" (Beck 1988: 252f, Herv. i. O.). Allerdings besteht zumindest zeitweise auch eine Affinität zwischen Armut und Gefahr (vgl. ders. 1991: 187).

(56) Etwa die Beschleunigung des Biodiversitätsverlustes durch den Anbau gentechnisch manipulierter Nutzpflanzen.

(57) "Das Neue liegt einzig und allein in der Ausdehnung der Entscheidungspotentiale" (Luhmann 1991a: 54, Herv. A.P.). Selbst Naturkatastrophen erhalten heute eine riskante Komponente, etwa wegen unterlassener Vorsorge oder Warnung.

(58) Vgl. Luhmann 1996e: 93.

(59) Beck 1986: 31, Herv. i. O.

(60) Beck beschreibt mit "organisierter Unverantwortlichkeit" die Zuständigkeit bei gleichzeitiger Nicht-Zurechenbarkeit und Diffusion von Verantwortlichkeit. Die verwaltete Bedrohung wird inexistent und wächst (vgl. Beck 1988: 100-105).

(61) Luhmann 1992f: 183.

(62) Luhmann 1992f: 176, Herv. i. O.

(63) Luhmann 1992f: 178.

(64) Die Kluft zwischen der kognitiven und der konativen Einstellungskomponente zeigt sich etwa am Anspruch kinderloser Ehepaare auf In-Vitro-Fertilisation, obwohl in Europa die für die Entwicklung dieser Methode nötige Forschung an Embryonen verboten ist und mehrheitlich abgelehnt wird (vgl. Beck 1991c: 158).

(65) Man kann "mit Scheuklappen an den Augen durch die Welt gehen" (Eder 1988: 215).

(66) Vgl. Luhmann 1991a: 119f.

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