Autopoiesis und Ökologie bei Niklas Luhmann

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5. Natur und Umwelt

5.1 Die systemtheoretische Konzeption von Natur

Die Welt als Gesamtheit ist kein System1. Auch die Gesamtheit aller Umwelten bildet kein System "im Großen"2. Ökologie wird nur beobachtend als Einheit konstruiert3.

Auch "Ökosysteme" sind nicht Systeme, sondern eine Multiplität strukturell gekoppelter Einzelsysteme.

"Von System sollte man nur sprechen, wenn ein System sich selbst gegen eine Umwelt abgrenzt. [...] Ökologisch [...] ist eine Problematik nur, wenn sie auf Einheit trotz Differenz oder gar auf Einheit durch Differenz abstellt, nämlich darauf, daß ein System/Umwelt-Zusammenhang gerade dadurch strukturiert ist, daß das System sich aus seiner Umwelt herausnimmt, sich gegen sie differenziert und auf dieser Basis ein hochselektives Verhältnis zu seiner Umwelt entwickelt. Die ökologische Fragestellung steht mithin quer zur systemtheoretischen [...]. Für die Ökologie der menschlichen Gesellschaft sind [...] zahllose Systeme relevant, ohne daß die Einheit dieser Systeme und ihrer Umwelt mit der Ökologie der Gesellschaft, das heißt dem System/Umwelt-Verhältnis der Gesellschaft identifiziert werden dürfte"4.

Die Welt als Einheit der System/Umwelt-Differenz ist nur ausschnitthaft als Umwelt konzipierbar.

Im weiteren Sinne faßt die außergesellschaftliche Umwelt auch die in der Umwelt situierten psychischen Systeme. Die außergesellschaftliche "Umwelt im ökologischen Sinne" bezieht sich auf die natürlichen Lebensgrundlagen der Gesellschaft "unterschieden von Menschen und der Gesellschaft im übrigen"5, der inneren Umwelt des Gesellschaftssystems. Beide Umwelten, die ökologische und die psychische, sind materiale Bedingungen der Möglichkeit von Gesellschaft6.

Keinesfalls kann Natur als Entität aufgefaßt werden. Dies wäre Ausfluß eines naturalistischen Mißverständnisses7, wie es vor allem der Ökologiebewegung vorzuhalten ist. Natur ist ein Begriff, eine Norm, ein Gegenentwurf, eine Erinnerung an etwas, das es so nicht mehr gibt. Natur ist mit der Gesellschaft verwoben, genutzt und verbraucht. Umweltschäden sind deshalb meist auch Produktschäden, gesellschaftsinterne - primär monetär bezifferbare - Schäden8.

Der ökologischen Krise kann nach Luhmann nur mit der Ausarbeitung einer adäquaten Systemtheorie begegnet werden. "Die Soziologie ist [...] für eine bestimmte Systemreferenz zuständig, für das Gesellschaftssystem und dessen Umwelt. Sie kann sich nicht länger auf eine intrasoziale Perspektive beschränken"9. Die Kernfrage lautet: "Wie bestimmt und beschränkt die moderne Gesellschaft ihre Resonanz auf Umweltveränderungen, und was folgt aus diesen Beschränkungen für die weitere Evolution dieses Gesellschaftssystems?"10 . Fuchs sieht in der Beobachtung der ökologischen Differenz ein Potential zur Erfassung der ökologischen Krise, das andere soziologische Theorien nicht bieten11. Aber nur in dem Maße wie Natur für die Gesellschaft Funktionsvoraussetzung und Problem ist, kann sie auch Teil gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen sein. In dieser Diskrepanz zwischen "naturaler" Natur und kognitiv zugänglicher Umwelt liegt eine Hauptursache für die Möglichkeit der ökologischen Selbstgefährdung. Diese Aporie ist bereits im Prinzip der funktionalen Differenzierung angelegt und auch durch verfeinerte Resonanzfähigkeit nicht aufzulösen.

In der funktional differenzierten Gesellschaft wird Umwelt zweifach problematisch. Erstens werden ökologische Schäden in der Regel nicht auch beim Verursacher manifest, so daß das System über feedbacks und Kontrollfaktoren die Richtung seiner Autopoiese korrigieren könnte. Die Teilsysteme nehmen nur je verschiedene Facetten ihrer Umweltproblematik wahr und bearbeiten sie nach eigener Logik. Folgeprobleme, die nicht in ihren Relevanzbereich fallen, mögen irritieren, erzeugen aber nicht notwendig Resonanz. Zweitens können Umweltprobleme, die die Gesellschaft als ganze betreffen, nur in den Teilsystemen effektiv bearbeitet werden. Die hierfür nötige Resonanzfähigkeit ist aber nicht zentral, etwa politisch, steuerbar. Auch Ansätze zur Ausdifferenzierung eines neuen Subsystems für die Wahrnehmung von Umweltinterdependenzen, in dem die Gesellschaft sich selbst abbildet, sind nicht erkennbar12. Das scheitert nicht zuletzt daran, daß ein solches System mit den anderen Subsystemen in Konkurrenz treten und deren Freiheiten über Irritationen empfindlich beschneiden würde.

Die Resonanz für Auswirkungen auf die außergesellschaftliche Umwelt ist mehr noch als die Resonanz gegenüber anderen sozialen Systemen strukturell beschränkt: Die Ausdifferenzierung aus der Natur hat vor allem zu einer immer größeren Unabhängigkeit von der Umwelt geführt.

Auf der Ebene der Programmierung kann zwar auf Umweltgefährdungen reagiert werden. Aber chemische, physikalische oder biologische Umweltereignisse müssen die Resonanzschwellen der Gesellschaft und ihrer Teilsysteme erst überwinden, um kommunikativ in gesellschaftliche Tatsachen transformiert zu werden 13. Dazu müssen sie über Begriffe, Kategorien und Kommunikationsanlässe kommunikabel werden 14. Und auch dies garantiert noch nicht deren Bearbeitung: Probleme können auch an andere Teilsysteme abgeschoben werden oder sich in "organisierter Unverantwortlichkeit"15 verlieren.

Die Ausbildung adäquater Reaktionen auf Umweltereignisse ist höchst unwahrscheinlich. Im business as usual erzeugt die funktional differenzierte Gesellschaft zu wenig Resonanz: "Begrenzung der Resonanzfähigkeit ist gleichbedeutend mit Ausdifferenzierung eines Systems"16. Andererseits können kleine Ursachen im komplexen Gesellschaftsgefüge Wirkungen unvorhersehbaren Ausmaßes zeitigen und dann zuviel Irritation und Resonanz auslösen17.

5.2 Die Ökologie des Nichtwissens

Der Zuwachs an ökologischem Wissen macht auch das Ausmaß des Nichtwissens über die Beziehungen zwischen System und Umwelt deutlich18, sichert so aber gleichzeitig den Fortgang der Autopoiese19. Mit dem Zuwachs an Information wächst nicht das Gefühl der Sicherheit, sondern wird umgekehrt die Sensibilität für das Zusammenwirken unterschiedlicher Unsicherheitsfaktoren geschärft. "Je mehr man weiß, desto mehr weiß man, was man nicht weiß, und desto eher bildet sich ein Risikobewußtsein aus"20.

Die Wissenschaft reflektiert dies im Umschalten von Verifikation auf pragmatische Bewährung ihrer Aussagen. Sie wird zum Leitsektor für die Ausbildung des modernen Risikobegriffs. Doch für die Unterscheidung Wissen/Nichtwissen ist auch sie nicht prädestiniert. Hierfür gibt es keinen durchgehend akzeptierten Ort in der Gesellschaft: Jedes ausdifferenzierte Funktionssystem nimmt für die eigene Systemreferenz universale Zuständigkeit in Anspruch 21. Die Polykontexturalität ausdifferenzierter Teilsysteme setzt den Zerfall allgemeinverbindlicher Welterklärungen bereits voraus.

Aus dem "Umschlag von Nichtwissen in Ungeduld"22 entstehen Protestgruppen. Durch die Thematisierung ökologischer Probleme, an denen das Ausmaß des Nichtwissens deutlich wird, verunsichern sie die Gesellschaft mit dem Ziel, daß diese tätig wird23. Ökologische Kommunikation beruht beiderseits auf Nichtwissen. Nichtwissen steigert durch die Polarisierung zwischen Alarm- und Sachzwang-Rhetorik die Intensität ökologischer Kommunikation. Die verzerrte Argumentation auf beiden Seiten weist darauf hin, daß beide Parteien sich der Einseitigkeit der Darstellung bewußt sind. Die ökologische Beschreibung tendiert zu simplifizierenden binären Zuspitzungen und vernachlässigt oft die Bandbreite zwischen den Extremen. Warner können weniger als andere Beobachter die Einheit und Kontingenz ihrer Unterscheidung sehen24. Auch Soziologen, die dem Risiko-Objektivismus zuzurechnen sind, treten als Warner auf, ohne ihren eigenen Standpunkt ausreichend zu reflektieren, und leiten von daher ihre Gesellschaftskritik ab25. Hintergründe, soziale Wurzeln und gesellschaftliche Mechanismen geraten dabei aus dem Blick.

Weil Wissen über den Eintritt technischer Katastrophen prinzipiell ausgeschlossen ist, sind Warnungen paradox: im Erfolgsfalle ist nicht festzustellen, ob sie berechtigt und real fundiert waren.

Luhmann kritisiert an der ökologischen Beschreibung auch die fehlende Trennung von Mensch und Gesellschaft, die Theoriemöglichkeiten beschneidet26. Erfolgversprechender erscheint der Ausgang von einer Ökologie des Nichtwissens und beiderseitiger Unsicherheit27 mit dem Ziel einer stärker reflexiven Form der Kommunikation28. Diskursiv wäre die Unsicherheit zu vermehren, das Nichtwissen zu betonen, anstatt die eigene moralische Position als richtig und gesichert auszugeben29. Pragmatische Verständigung macht die Dauerirritation der Gesellschaft durch ökologisches Nichtwissen und hinzukommende unlösbare Konflikte bearbeitbar: auf beiden Seiten wird Komplexität angeregt. Verständigung tritt bei Luhmann an die Stelle von Konsens30. Ähnlich wie Entscheidungen fixiert sie Bezugspunkte, die vorerst nicht mehr verhandelt werden müssen, Gemeinsamkeiten, auf die man sich quasi arbeitshypothetisch einigen kann. Verständigung ist nicht angewiesen auf Zustimmung, Überzeugung oder Moralisierungen31. Im Gegensatz zu Moral zielt Verständigung auf Inklusion und Gemeinsamkeiten, nicht auf abgrenzende Ablehnung, die für die Überzeugung anderer wenig hilfreich ist: Kritik wird immer zuerst Abwehr hervorrufen und Positionen verfestigen32.

Ein konstruktiver Umgang mit Nichtwissen erhöht auch die Anpassungsfähigkeit bei Überraschungen durch ein Lavieren zwischen Redundanz und Varietät, zwischen der Bestätigung von Erwartungen und neuer überraschender Information, zwischen identitätswahrendem Nicht-Lernen, kalkulierbarer Veränderung und ständig neuer Einjustierung der Systemstrukturen33.

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Anmerkungen

(1) Vgl. Luhmann 1991: 36; vgl. ebd.: 67f. Die Elemente weisen keine hinreichende Ähnlichkeit auf um die Anschlußfähigkeit der Operationen sicherzustellen. Das schließt nicht aus, daß es für Systeme umfassende Systeme geben kann: für Interaktions-, Organisations und Funktionssysteme: die Gesellschaft. Umfassende Systeme strukturieren Rationalitätsbedingungen weitgehend vor.

(2) Vgl. Luhmann 1996b: 50.

(3) Vgl. Luhmann 1991: 55.

(4) Luhmann 1986: 21f, Fn. 17; vgl. ebd.: 162.

(5) Luhmann 1986: 113f. Menschen gehören genaugenommen beiden Umwelten an (vgl. ders. 1997: 804).

(6) Auch die menschliche Umwelt könnte sich - psychisch und biologisch - so verändern, daß die Gesellschaft am Ende nicht mehr lebensfähig ist (vgl. Luhmann 1991: 644). Im Rahmen des Themenabends "Menschen nach Maß" (arte 09.07.1998) betonte der Präsident der Bundesärztekammer, Hoppe, in Bezug auf Amnioszentese - und Keimbahntherapie – werde der Begriff "Eugenik" vermieden, doch diese Forschungen sind durch eugenische Vorstellungen wesentlich motiviert (vgl. auch Beck 1991b; Löw 1985: 183-189).

(7) Vgl. Beck 1988: 62-95.

(8) Etwa der Rückgang von Fischbeständen wegen Überfischung oder aufgrund chemischer Umwelteinwirkungen (vgl. auch Beck 1988: 215f).

(9) Luhmann 1997: 129, Herv. i. O.

(10) Luhmann 1996b: 50.

(11) Vgl. Fuchs 1992: 251f.

(12) Vgl. Luhmann 1997: 803. Beck sieht demgegenüber Anzeichen für die Entstehung einer interdisziplinären Ökologie-"Übernaturwissenschaft" (vgl. Beck 1988: 185).

(13) Vgl. Luhmann 1986: 218-226.

(14) Vgl. Luhmann 1996b: 51.

(15) Vgl. Beck 1988.

(16) Luhmann 1996b: 49.

(17) Vgl. Luhmann 1996b: 60.

(18) "Die Steigerungsform der Wissenschaftlichkeit lautet: Wahrheit, Zweifel, Selbstbegrenzung . Wer weiterfragt weiß mehr - gerade auch über die Brüchigkeit und Begrenztheit der eigenen Grundlagen und Aussagen - und daher weniger " (Beck 1988: 198, Herv. i. O.).

(19) Nichtwissen als die andere Seite des Wissens ist markiert, aber nicht bezeichnet, und bleibt über Kreuzung zugänglich und bearbeitbar. Dem unmarked space gehört das ausgeschlossene Dritte und der Beobachter selbst an (vgl. Luhmann 1992f: 159; vgl. ders. 1996h: 209).

(20) Luhmann 1991a: 37.

(21) Vgl. Luhmann 1992f: 171-173.

(22) Vgl. Luhmann 1992f: 202.

(23) Vgl. Luhmann 1992f: 191f.

(24) Vgl. Luhmann 1992f: 161. Mehr als anderen Beobachtern bleibt ihnen die reflexive Selbstbeobachtung verwehrt.

(25) Namentlich zitiert wird Ulrich Beck (vgl. Luhmann 1992f: 152; vgl. ders. 1991b: 13, Fn. 10). In der Risikogesellschaft gilt der objektiv gegebene Risikokontext als Kontrolldefizit der Modernisierung. Die Kennzeichen neuzeitlicher Risiken - räumliche und zeitliche Entgrenzung und Nichtversicherbarkeit - sind wissenschaftlich gewonnene Fakten (vgl. Japp 1996: 14, Fn. 19), obwohl Beck auch auf die Konstruktion von Risiken eingeht (vgl. Beck 1986: 73). Er zieht daraus aber nicht den Schluß auf seine eigene Darstellung der "Risikogesellschaft". In den Gegengiften entlarvt Beck rein objektivistische Positionen als technizistisch-naturalistischen Fehlschluß und bezieht die Kulturabhängigkeit der Risikowahrnehmung stärker ein. Risiken werden nun auch auf die Kontingenz von Entscheidungen bezogen (vgl. Japp 1996: 44). Risiken sind soziale Konstruktionen, die sich technischer Darstellung und Normen bedienen, und sie ändern sich im Zeitlauf (vgl. Beck 1988: 145). Mit wachsendem Umweltbewußtsein gewinnt die soziale Definition gegenüber wissenschaftlicher Rationalität an Gewicht (vgl. ebd.: 238). Sowohl Zerstörung als auch Protest sind symbolisch vermittelt (vgl. ebd.: 75-81), das ist für sinnlich nicht Faßbares zunehmend auch notwendig (vgl. ders. 1991a: 11; vgl. ebd.: 26). Erst kulturelle Wahrnehmungsbereitschaft und Normen entscheiden über das, was an Zerstörung hingenommen wird, und stecken die Folie des Selbstverständlichen ab.

(26) Sie legt ein handlungstheoretisches Verständnis sozialer Vorgänge zugrunde.

(27) Vgl. Luhmann 1992f: 163; vgl. ebd.: 179-183.

(28) Vgl. Luhmann 1993c: 148.

(29) Vgl. Luhmann 1992f: 179; vgl. ebd.: 197; vgl. ebd.: 211f.

(30) Psychisches Verstehen ist für die Fortsetzung der Kommunikation nicht nur unnötig, die konsensuelle Annäherung der psychischen Systeme ist auch unmöglich: Individuen sind handlungsfähig nur, wenn sie Verstehenssicherheit bzw. Konsens fingieren (vgl. Luhmann 1992f: 194).

(31) Vgl. Luhmann 1992e: 139f; vgl. ders. 1992f: 194f.

(32) Vgl. Luhmann 1992f: 195; vgl. ders. 1997: 397.

(33) Rationales Lavieren zwischen "Redundanz und Varietät als komplementärer Rückversicherungs- (Beobachtung erster Ordnung) und Vorverunsicherungszusammenhang (Beobachtung zweiter Ordnung)" (Japp 1996: 216, Fn. 111) setzt eine Systemrationalität voraus, die sich auf das re-entry der System/Umwelt-Differenz ins System stützt (vgl. ebd.: 205, Fn. 91).

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