Autopoiesis und Ökologie bei Niklas Luhmann

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8. Protestgruppen und der Ruf nach einer neuen Ethik

8.1 Moral - das tertium non datur der funktionalen Differenzierung

Mit der Ausdifferenzierung der Teilsysteme ging ein grundsätzlicher Bedeutungsverlust der Moral einher. Die funktional differenzierte Gesellschaft kann "nicht mehr über Moral integriert sein"1. Moral gehört zum tertium non datur aller Systeme. "Die Funktionscodes müssen auf einer Ebene höherer Amoralität eingerichtet sein, weil sie ihre beiden Werte für alle Operationen des Systems zugänglich machen müssen"2. Die "Neutralisierung moralischer Zumutungen"3 schließt Moral als unterkomplex-trivialisierend und dysfunktional aus den relevanten teilsystemischen Kommunikationen aus und macht sie auf der Gesellschaftsebene zum kulturellen Störfaktor. An die Stelle der Moral setzt sich die bestmögliche Erfüllung der teilsystemischen Funktion. Die funktionale Differenzierung macht die Instrumentalisierung der Natur zum gesellschaftlichen Entwicklungsprinzip4. Gegenüber autonomen Systemen muß Ethik wie eine "Fahrradbremse am Interkontinentalflugzeug"5 wirken.

Die Neuen Sozialen Bewegungen (NSB) berufen sich auf diese "verlorengegangene" Moral. Moral bildet selbst kein System, sondern steht orthogonal zur funktionalen Ausdifferenzierung. So kollidiert sie zwangsläufig mit anderen Erfordernissen6.

Wenn auch Moral und archimedische Werte jenseits autopoietischer Systeme ausgeschlossen sind, so finden doch Moral- und Wertkommunikationen innerhalb der Gesellschaft statt und sind Teil gesellschaftlicher "Realität".

Moralkommunikationen beziehen sich auf konsequentialistische materiale Wertethiken, die seit Kant eigentlich passé sind7. Aus bloß formalen Kriterien lassen sich jedoch keine Handlungsanweisungen ableiten8, die selbst wiederum nur für Beobachter erster Ordnung und unter der Voraussetzung rationalen Handelns sinnvoll sind9.

Ethik verschiebt das Problem des Nichtwissens, die Unkenntnis der Zukunft, vom Kognitiven ins Normative, um am Gegenüber Verantwortung für die Folgen anzumahnen. Werte sind nicht "wahrheitsfähig"10, sie gelten wie Rechtsnormen kontrafaktisch, mehr noch: dogmatisch, sie werden tradiert, nicht legitimiert. Ethik muß nicht demokratisch legitimiert werden, sie dient selbst als Ersatz für Legitimation. Sie ist darauf angewiesen, die eigenen Unterscheidungen absolut zu setzen, und hat Schwierigkeiten mit der Relativierung des eigenen Beobachterstandpunktes

Moral arbeitet mit dem Schematismus gutes/schlechtes Verhalten und entsprechender Zu- oder Aberkennung von Achtung. "'Achtung' ist immer ein Indikator für moralische Inklusion [...] und eben damit auch für ihre Exklusion, wenn Achtung negiert wird"11. Die Inklusion und Exklusion von Personen verweist auf die Anschlußstelle der Interpenetration zwischen psychischen und sozialen Systemen: Achtung und Mißachtung zielen dabei auf Menschen als ganze. Luhmann beobachtet an der Moralkommunikation vorrangig die Seite der Exklusion, so als würde sie - permanent drohend - auf die Inklusion ausstrahlen. Diese Einseitigkeit ist zum Teil auf die zugrundeliegende verfestigte und eng umrissene Wertorientierung zurückzuführen, die zur Übertreibung zwingt und die Inklusion im Gegensatz zu Exklusion höchst unwahrscheinlich macht. Moral sollte deshalb nach Luhmann nur ins Spiel gebracht werden, "wenn man es darauf anlegt, Kommunikation abzubrechen"12. Die Logik von Inklusion und Exklusion trifft aber auch die NSB: Inklusion wird mit Rationalität, Exklusion mit Irrationalität assoziiert13. Luhmann selbst weist diese Verbindung zurück14, zumal Rationalität selbst auf Konstruktionen ruht.

Inklusion ist für Luhmann nur durch Verständigung zu erreichen, die einen kontingenten Spielraum des Austarierens eröffnet und so einen "Nährboden" für Anschlußkommunikationen schafft. Moralkommunikation ist auf Beobachtungen erster Ordnung fixiert, Verständigung kann ihren eigenen Beobachterstandpunkt reflektieren und kontingent setzen. Wenn Moral als "praktizierte Ethik" verstanden werden kann, dann ist Verständigung "praktizierte Kommunikation".

Die Metakommunikation über funktionsspezifische Kommunikationen nimmt meist die Form protestierender Angstkommunikation an. Angstmoral ist funktional äquivalent zur Prinzipienmoral, wo Prinzipien nicht mehr zureichend greifen, weil auch Ethik gegenüber der Umwelt nur vermittelt über den Menschen begründbar ist15. Angst muß wie Moral nicht legitimiert oder theoretisch fundiert werden16, sie ist per se authentisch und immun gegen Widerlegung. Stellvertretend für andere Betroffene kommunizierte Angst erhebt zusätzlich moralische Ansprüche.

"Proteste sind Kommunikationen, die an andere adressiert sind und deren Verantwortung anmahnen"17. Technik-Ethik appelliert an verantwortliche Handelnde und spielt "Betroffenheit gegen Entscheidung"18 aus. Es geht um die "Ablehnung von Situationen, in denen man das Opfer des riskanten Verhaltens anderer werden könnte"19. In die Verantwortung genommen werden Wirtschaftsunternehmen, nicht aber Konsumenten20. Verantwortungen sind aber nur eigene Setzungen des Beobachters, deren Kontingenz zu verdecken ist.

Luhmann spricht einer Moral, deren Forderungen sich nur an andere richten, die Erfüllung ethischer Grundsätze ab. Doch Moral kann damit nicht gemeint sein, denn Moral ist per se symmetrisch und selbst-inklusiv21.

8.2 Protest als Immunreaktion

Protest ist kein Sachverhalt in der Umwelt, sondern eine Konstruktion der Protestbewegung, deren Gründe in die Umwelt externalisiert werden22. Protestbewegungen emergieren durch die katalytische Wirkung des Protests und bestehen nur solange eine Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit feststellbar ist23.

Einmal ausdifferenziert schließen sich auch Protestbewegungen autopoietisch gegen ihre Umwelt und von externen Ursachen ab24. Die NSB sind epigenetische Systeme: sie füllen Freiräume aus, die von keinem Funktionssystem beansprucht werden25. Sie sind aber weder als gesellschaftliches Subsystem noch als Organisation aufzufassen, auch einen eigenen Systemtyp bilden sie nicht aus26.

Die NSB sind dem Organisationstyp ähnlich, aber nicht darunter subsumierbar27, jedoch bilden sie auch adressable Organisationen aus. Protestbewegungen prozessieren nicht Entscheidungen, sind heterarchisch und netzwerkförmig angelegt und auf die Unterstützung eines diffusen Kreises von Sympathisanten und Darstellung ihrer Anliegen in den Massenmedien angewiesen. Protestgruppen sind im Gegensatz zu Organisationen nicht auf Dauer angelegt: Erfolg wie auch Aussichtslosigkeit führen zur Auflösung28. Auch trennen sie nicht zwischen Organisationszweck und Motivation der Mitglieder. Protestbewegungen organisieren commitments29. Die ehrenamtliche Mitarbeit ist ideell begründet und wird nicht finanziell abgegolten, sondern erfordert persönlichen und oft auch finanziellen Einsatz. Die niedrige Katastrophenschwelle der Protestgruppen - geringe Wahrscheinlichkeit und hoher Schaden - kann die Herausbildung einer Kollektividentität fördern, wo andere selektive Anreize wie Geld, Macht oder Reputation fehlen30.

Die Motivationslage der Mitglieder darf jedoch nicht auf individuelle Selbstverwirklichung und Sinnsuche verkürzt werden31. Sachfremde Motive wie Externalisierung oder Projektion persönlicher Probleme von aus traditionellen Bindungen freigesetzten Individuen weist Luhmann als Begründung für das Anwachsen der NSB nicht überzeugend zurück32. Die NSB dienen zwar auch als kulturelle Formen, indem sie individuell aneignungsfähige Probleme und Motive - Besorgnis, Warnen oder Protest - zur Verfügung stellen. Doch dies erklärt nicht, warum persönliche Probleme gerade durch das Engagement in Protestgruppen sublimiert werden, und verschleiert die Sicht auf die den Protest auslösende Thematik. In der Sprache der Psychoanalyse könnte man umgekehrt fragen, was Menschen dazu veranlaßt, die Infragestellung von Selbstverständlichkeiten - etwa des Konsums - derart vehement mit der Unterstellung von Unsachlichkeit oder Emotionalität abzuwehren und die eigene Blindheit zu schützen33. Es kommt sogar zur Gegenbeobachtung als "Sekten"34.

"So versuchen wir, die Tatsache, daß immer mehr Tier- und Pflanzenarten endgültig aussterben, einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen [...], woraus sich dann ergibt, daß wir beruhigt 'weiterschlafen' können. [...] Die Kontrolle des Verdrängten bringt dann für 'selbstverständlich' gehaltene Konventionen oder Gesetze oder rigide Abwehrmechanismen hervor. [...] Die schwersten pathologischen Erscheinungen werden unauffällig, wenn wir ihnen den Mantel der Normalität umhängen"35.

Kulturelle Selbstverständlichkeiten wirken als nicht hinterfragte Attraktoren gleichsam apriorisch für Kommunikation. Das heißt nicht, daß sie nicht kommunikativ auch zerstört und neu produziert werden können. Und eben daran arbeiten Protestbewegungen unter Verwendung der Beobachtungstechnik des Teufels: Sie ziehen eine Grenze gegen die Einheit der Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft, sie denken in der Gesellschaft gegen die Gesellschaft, orthogonal zu den ausdifferenzierten Teilsystemen. Sie unterscheiden sich in ihrer Codierung selbst von der gesellschaftlichen Umwelt als dem Wogegen des Protests, so als gehörten sie selbst nicht dazu36. Die Form des Protests ist für Luhmann damit im Kern identisch mit der Unterscheidung NSB/Gesellschaft, verdeckt durch die Unterscheidung Protest/Thema37. Die Leitdifferenz der NSB wird mit ihrer Grenze vermischt: Beide Seiten der Unterscheidung recht/unrecht gehören ins Rechtssystem, auf die Leitunterscheidung von Protestbewegungen trifft das so nicht zu. Die Codierung der Protestsysteme ist nicht nihilistisch wie die der Funktionssysteme.

Damit wird die Unterscheidung doppelt paradox: zunächst durch die Entgegensetzung zum Ganzen der Gesellschaft, dann durch die Identifikation von Code und Grenze. Protest ist kein echter Binärcode, denn der Negativwert ist nicht wirklich geeignet, den Positivwert zu reflektieren38. Protest wird zum kompromißlosen Dagegensein ohne die Möglichkeit des Crossing39. "Es geht nicht um einen Austausch von Plätzen, nicht um politische Opposition, die selber die Regierung übernehmen möchte [...]. Mit dem Kollaps dieser Differenz kollabiert auch der Protest"40. Protest und Thema ersetzen Code und Programmierung, aber nicht so stringent, daß sich ein Funktionssystem Protest ausdifferenzieren könnte41. Die Einheit der NSB liegt erst in der Kombination der Form Protest mit der inhaltlichen Ausgestaltung: Das Wogegen des Protests gehört wesentlich zur Unterscheidung, jedoch besteht auch eine gewisse Offenheit in Bezug auf Themen und Anlässe42. Protest als Code ist damit auch zu nihilistisch. Er ist leerer als etwa die Codierung nach recht/unrecht, es hat den Anschein, als wäre Protest Selbstzweck und das Wogegen des Protests nur - auswechselbares - Programm. Nur so kann dann etwa die Form des Protestes für sich genommen als Katalysator oder die "mobilisierungsorientierte Kommunikation"43 als autopoietisches Basiselement begriffen werden. Protestgruppen können dann nicht anders, denn als Störfaktoren wahrgenommen werden44.

Ergiebiger wäre es, die Codierung vom Selbstbezug auf die Protestbewegung abzulösen und - wie auch in anderen Systemen - auf das Prozessieren von Umweltdaten zu beziehen. Als Codierung bietet sich dann etwa die Unterscheidung umweltschonend/umweltbelastend an. Die Themen dienten dann wie in anderen Systemen der konkreten Ausgestaltung und Bereitstellung von Kriterien, die die Zuweisung der Codewerte regulierten.

Eine weitere Paradoxie ergibt sich aus der zweifachen Beobachtung von Gesellschaft: einerseits im Stile distanzierter "gepflegter Inkongruenz", andererseits im Stile der "gepflegten Illusion" einer unterkomplexen lebensweltlichen Einheitssemantik im Horizont möglicher Katastrophen, welche unter funktionaler Differenzierung anders nicht mehr herstellbar ist45. Das Defizit sowohl an Theorie als auch an Empirie hilft, die genaue Position latent zu halten46. Hierbei wird aber übersehen, daß sich Protestgruppen auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse und empirische Befunde stützen.

Aus den angeführten Gründen gelten die NSB als nicht rationalitäts- bzw. resonanzfähig. Rationalität würde zur Auflösung der Einheitssemantik und Konditionierung führen. Die Protestgruppen müßten sich gegenüber den Argumenten der anderen Seite öffnen, sich über Pro und Contra beider Seiten verständigen und auch Kompromißbereitschaft zeigen. Die eigene Blindheit muß jedoch mehr als bei den Funktionssystemen durch Rigidisierung und kausale Simplifizierung geschützt werden. Symptomatisch hierfür wird nach Luhmann dann der Rekurs auf Moral47. Hier schleicht sich allerdings die Unterscheidung rational/irrational wieder ein, die Luhmann an anderer Stelle als zumindest unergiebig zurückweist48.

Trotz aller Defizite werden die NSB auch hinsichtlich ihrer Funktionalität für die Autopoiese der Gesellschaft untersucht. Sie machen in der Kommunikation von Ablehnung, in der Auflösung von Erwartungen mittels ungewöhnlicher Fragestellungen, Dysfunktionalitäten der funktionalen Differenzierung sichtbar und verunsichern bezüglich des Anschlußwerts von Operationen49. Sie thematisieren die ökologische Krise und nehmen dadurch Einfluß auf die kulturelle Konstruktion und Wahrnehmung ökologischer Probleme als Folge riskanter Entscheidungen.

Soziale Systeme brauchen Widersprüche für ihr Immunsystem: sie sind nicht logisch widerspruchsfrei. Die operative Umsetzung der Negation der Gesellschaft in der Gesellschaft verhindert deren Annihilation50. Durch die Störung der "Gesamtprätention des Systems: geordnete, reduzierte Komplexität zu sein"51 ergeben sich neuartige Möglichkeiten. Protest steigert das Konfliktpotential und damit Mikrodiversität komplementär zum Rechtssystem, aber auch konträr zu den kurzfristigen Zeithorizonten politischer und wirtschaftlicher Selbstbeschreibungen. Protestgruppen übernehmen so die Funktion des Immunsystems52. "Das System immunisiert sich [...] mit Hilfe des Nein [...], mit Hilfe von Änderungen gegen Erstarrung [...]. Das Immunsystem schützt nicht die Struktur, es schützt die Autopoiese"53.

Die funktionale Unbestimmtheit ihrer Codierung gibt den Protestbewegungen die Freiheit, alternativ zu denken, und die ökologische Krise als neues Thema öffentlich zu machen. Sie schaffen Aufmerksamkeit und Sensibilität für ökologische Fragen und Folgeprobleme funktionaler Differenzierung54, und sie stellen den Fortschrittsglauben in Frage55. Die NSB fungieren als Sinnesorgan der Gesellschaft, das Probleme sieht, die der Gesellschaft in der Perspektive der Funktionssysteme nicht auffallen würden. Zwar sind Variationsmöglichkeiten und Innovationen schon im Differenzierungsprinzip selbst angelegt, aber die NSB können darüberhinaus Probleme und Risiken sichtbar machen und Themen in die Diskussion einführen, die sich nicht auf die rationale Perfektionierung der jeweiligen Subsysteme sondern auf das Ganze der Gesellschaft beziehen56.

Als Immunsysteme verunsichern sie die Gesellschaft mit nicht an die Codierung der Funktionssysteme gebundenen Realitätstests durch die Ablehnung von Attraktoren und Selbstverständlichkeiten, etwa solchen, mit denen Organisationen Unsicherheit absorbieren. Widerspruch setzt so die Funktionssysteme in die Lage, einen innersystemischen Abgleich mit Realität ohne Durchgriff auf die Umwelt zu vollziehen und die aufgedeckten Dysfunktionalitäten zu bearbeiten.

Die Gesellschaft organisiert in der Protestkommunikation eine Form der Selbstbeschreibung durch die Einrichtung einer internen Reflexionsgrenze, sie sieht sich im Spiegel des Protests. Diese Selbstbeschreibungen sind zwar als gesellschaftliche Selbstbeschreibungen intendiert, doch sie können hierfür nur Beiträge sein, da auch sie nicht eine zentrale Instanz beanspruchen können. Die NSB beobachten ohne eigene funktional ausgerichtete Beschränkung, aber doch standpunktgebunden und selektiv. Sie "kompensieren deutliche Reflexionsdefizite der modernen Gesellschaft"57 und lenken das Augenmerk auf Probleme, die in Wachstumsgesellschaften - aber auch in Zeiten der Rezession - ausgeblendet werden oder an die zweite Stelle rücken. Sie sehen mehr als die Funktionssysteme, nämlich die Selbstgefährdung der Gesellschaft, aber ihnen entgeht mehr als den Funktionssystemen die eigene Perspektivität, weil sie sich gegen ein re-entry immunisieren müssen58. Nach Luhmann fehlt ihnen darüberhinaus eine zureichende Berücksichtigung der Selbstbeschreibungen derjenigen Systeme, gegen die sich der Protest richtet.

"Man versucht nicht: zu verstehen. [...] Man kann von Protestbewegungen also keine Reflexion zweiter Stufe, keine Reflexion der Reflexion der Funktionssysteme erwarten. Sie halten sich statt dessen an die Form des Protestes"59.

Wo aber zunehmend auch Experten als Warner wissenschaftskritisch auftreten, trifft auch dies nicht mehr uneingeschränkt zu.

Die NSB beobachten zwar im Sinne einer innocent culture primär im Modus erster Ordnung, doch sie beobachten auch im Modus zweiter Ordnung, wie Funktionssysteme beobachten und Risiken eingehen. Diese Beobachtungen können wiederum von den Funktionssystemen aufgegriffen werden und sich dort kontingenzsteigernd und verlangsamend auf riskante Operationen und Entscheidungen auswirken60. "Die Funktionssysteme haben in beträchtlichem Umfange Protestthemen aufnehmen und resorbieren können"61.

Protestbewegungen versorgen neben Organisationen auch die Massenmedien mit Risiko- und Umweltthemen. Weil beide Seiten davon profitieren - Bekanntheit und Aufmerksamkeit für die NSB, Konflikte als Material für die Medien - kann diese Beziehung als structural drift beschrieben werden62. Wie andere Systeme müssen die NSB hierbei auf analytische Tiefenschärfe verzichten und mit simplifizierenden Linearkausalitäten arbeiten63. Doch dies läßt nicht den Schluß auf eine ebenso undifferenzierte Beobachtung zu.

Das Gegenteil dürfte der Fall sein: Fuchs und Schneider konzipieren das "sekundäre Primärsystem" Soziale Arbeit als hybrides System, das primär an der Unterscheidung Inklusion/Exklusion ansetzt, sich aber verschiedene Codes zu eigen macht und so an rechtlichen, politischen oder erzieherischen Kommunikationen teilnimmt. Die systemische Einbindung dieser Kommunikationen bleibt ambivalent und hybrid64.

Ähnlich können auch Protestbewegungen auf der Programmebene die Ausrichtung anderer Systeme berücksichtigen und sich deren Codierung als gleichsam hybride "Drittcodierungen" zu eigen machen. Sie bleiben zwar primär moralisch ausgerichtet, oder zutreffender: nach der Leitunterscheidung umweltschonend/umweltgefährdend, doch sie erkennen selbst, daß nur funktionsspezifische Argumente in den adressierten Systemen kommunikabel sind und Resonanz erzeugen können. So argumentieren sie gegenüber Politik auch mit der Aussicht auf Wahlchancen, gegenüber Wissenschaft etwa mit der Nichtübertragbarkeit experimentell gewonnener Erkenntnisse65 und mit der Ankündigung von Kaufboykott, wenn sie sich an Unternehmen wenden. Aber auch direkt nehmen sie etwa an wissenschaftlichen Kommunikationen teil: Zu den Organisationen, die sie "absondern", gehören beispielsweise auch Umweltinstitute, die selbst wissenschaftlich arbeiten66.

Die Resonanz, die die NSB erzeugen, äußert sich auch in Erwartungen an Politik, die dann den Protest aufgreifen und in schwindende Wahlchancen transformieren kann. Das politische Zentrum ist angesichts seiner Schwerfälligkeit in der Bearbeitung von Umweltproblemen - bei gleichzeitigem Anspruch auf Steuerung - Hauptadressat für Protestbewegungen, die selbst aus der Peripherie des politischen Systems an der politischen Kommunikation teilnehmen. Ausgehend von Resonanzstrukturen, die sich innerhalb des politischen Systems zwischen Zentrum und Peripherie ausbilden, schlägt André Brodocz vor, auf der Organisationsebene Umweltverbände als Repräsentanten der außergesellschaftlichen Umwelt zur fiktiven strukturellen Kopplung von Politiksystem und imaginiertem Ökosystem heranzuziehen67. Auch dieser Vorschlag setzt voraus, daß Umweltverbände Expertenwissen mit einbringen können.

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Anmerkungen

(1) Luhmann 1990: 40.

(2) Luhmann 1990: 24.

(3) Luhmann 1997: 371.

(4) Vgl. Eder 1988: 324.

(5) Beck 1988: 194.

(6) Luhmann 1996b: 47f.

(7) Vgl. Luhmann 1992f: 182.

(8) Vgl. Luhmann 1992f: 183.

(9) Vgl. Luhmann 1992f: 186f.

(10) Luhmann 1970a: 59.

(11) Luhmann 1992f: 195.

(12) Luhmann 1992f: 196.

(13) Vgl. Luhmann 1997: 739.

(14) Vgl. Luhmann 1997: 850.

(15) Vgl. Krebs 1996.

(16) Vgl. Luhmann 1986, 245f. Moral übertreibt und gibt sicheres Wissen vor.

(17) Luhmann 1991a: 135; vgl. ders. 1992f: 153.

(18) Luhmann 1991a: 148.

(19) Luhmann 1991a: 146.

(20) Umweltbewegungen appellieren aber auch an Konsumenten.

(21) Vgl. Reese-Schäfer 1992: 111. Die Mitglieder der NSB halten sich auch selbst an das, was sie anderen antragen.

(22) Vgl. Luhmann 1991a: 137.

(23) Vgl. Luhmann 1991a: 138.

(24) Vgl. Luhmann 1996g: 182f.

(25) Vgl. Luhmann 1996a: 17.

(26) Vgl. Luhmann 1997: 813.

(27) Vgl. Luhmann 1997: 847-851.

(28) Vgl. Luhmann 1991a: 138. Auch hierin unterscheiden sich Protestbewegungen von Organisationen: während für Organisationen das Problem des eigenen Fortbestandes zentral ist, geht es den Protestbewegungen um die Veränderung der als unzumutbar empfundenen Umweltbehandlung. Es kann ihnen nicht unterstellt werden, sie hätten ein Interesse an der Perpetuierung dieser Problemlagen. Gegebenenfalls wenden sich die Mitglieder neuen Bereichen zu. So rekrutierten sich Teile von Umwelt- oder Tierschutzbewegungen aus der früheren Friedensbewegung.

(29) Vgl. Luhmann 1997: 850.

(30) Vgl. Japp 1996: 185-191.

(31) Ähnlich stellt Beck einen Zusammenhang von "neuem Individualismus", Identitätssuche und Vereinzelung mit der Entstehung von NSB her (vgl. Beck 1988: 93).

(32) "Aber darf man dann [...] vermuten, daß die latente Funktion die eigentliche Funktion ist?" (Luhmann 1997: 851, Fn. 453).

(33) Zum gesellschaftlichen Unbewußten vgl. Erdheim 1982: 220-222; vgl. Bauriedl 1986: 87-100. Zur Verdrängung in Bezug auf Eßkultur vgl. Elias 1989: 157-163. Bei Eder erscheint die diesbezügliche Rationalisierung als Kehrseite und Stützung der Verdrängung (vgl. Eder 1988: 164).

(34) Vgl. Douglas/Wildavsky 1983; vgl. Japp 1996: 202. Egalitaristische "Sekten" zeichnen sich durch hohe Kollektividentität bei geringer Regeldichte aus. Diese Kollektividentität wird bei den NSB wesentlich durch die niedrige Katastrophenschwelle getragen. Die niedrige Regeldichte zeigt sich in der zum Teil ganzheitlich-unterkomplexen Beschreibung von Gesellschaft und Umwelt. Konträr dazu liegen fatalistische Kulturen (high grid / low group), die politisch als Absorptionsbecken dienen. "Deshalb auch die notorischen Versuche von Egalitaristen, fatalistische Kulturen zu mobilisieren" (Japp 1996: 122, Fn. 88).

(35) Bauriedl 1986: 88-91.

(36) Luhmann 1986: 121; vgl. ders. 1991a: 150; vgl. ders. 1996d: 75f.

(37) Vgl. Japp 1996: 191-199.

(38) Luhmann 1996g: 176; vgl. ders. 1986: 82.

(39) Wegen der zugrundeliegenden Unterscheidung NSB/Gesellschaft können die NSB nicht kreuzen, so wie das Rechtssystem zum Code unrecht übergehen kann.

(40) Luhmann 1991a: 136.

(41) Luhmann 1996g: 178.

(42) Vgl. Luhmann 1991a: 136; vgl. ebd.: 148.

(43) Ahlemeyer 1989: 181.

(44) Hinsichtlich der verunsichernden Kommunikation von Widersprüchen besteht aber auch eine Parallele zur Soziologie, die "zur Krankheit der Gesellschaft wird" (Luhmann 1991: 505).

Zur Beobachtung von außen vgl. auch Simmels "Fremden" (Simmel 1987).

(45) Vgl. Fuchs/Luhmann 1989: 223; vgl. Japp 1996: 224.

(46) Vgl. Luhmann 1996c: 66.

(47) Vgl. Luhmann 1996b: 48.

(48) Vgl. Luhmann 1997: 850.

(49) Vgl. Luhmann 1991: 497-507.

(50) Vgl. Luhmann 1991: 507.

(51) Luhmann 1991: 508, Herv. i. O.

(52) Vgl. Luhmann 1991: 549; vgl. ders. 1986: 21f, Fn.17.

(53) Luhmann 1991: 507.

(54) Vgl. Luhmann 1986: 234.

(55) Vgl. Luhmann 1991a: 153f.

(56) Vgl. Luhmann 1996d: 76f.

(57) Luhmann 1991a: 153.

(58) Selbstbeobachtung setzt Reflexion voraus: die Beobachtung darf sich nicht von ihrem Gegenstand distanzieren, sondern muß sich selbst durch den Bezug zur eigenen Beobachtung als eigene Beobachtung mitmeinen (vgl. Luhmann 1986: 231).

(59) Luhmann 1997: 855, Herv. i. O.

(60) Vgl. Japp 1996: 205.

(61) Luhmann 1997: 858.

(62) Vgl. Luhmann 1997: 862.

(63) Erstens müssen der Öffentlichkeit die Unzufriedenheiten und - positiv gewendet: die angestrebten Veränderungen - nahegebracht werden, was die Verwendung von Schlagwörtern und sachlich unzulässigen Verkürzungen erleichtert. Wer noch keinen Bezug zu einem Themenkreis hat, wird keine Abhandlungen dazu lesen. Zuerst muß mit zum Teil drastischen Bildern Aufmerksamkeit beschafft werden. Aber auch Wissenschaft oder Politik bedienen sich solcher Methoden, wenn etwa Gentechnik als Mittel zur Bekämpfung des Hungers in der Dritten Welt dargestellt wird. Zweitens ist es wichtig, maximale Forderungen zu stellen, um die ideale Gegenposition und den Rahmen für etwaige spätere Kompromisse abzustecken.

(64) Vgl. Fuchs/Schneider 1995. Auch Luhmann zieht diese Möglichkeit in Betracht (vgl. Luhmann 1997: 633f), an anderer Stelle verneint er jedoch die Übernahme fremder Codierungen: Die Wahl eines Kontextes führt zur Zurückweisung aller anderen Unterscheidungen. Nur die aus diesen Unterscheidungen resultierenden Bezeichnungen werden angenommen (vgl. Luhmann 1998: 666).

(65) Vgl. Beck 1986: 90f; vgl. ders. 1988: 149.

(66) Bei der Absonderung von Organisation geht es keineswegs nur um Restprobleme der Vertretung (vgl. Luhmann 1997: 850), sondern auch um die konstruktive Bearbeitung von Problemen.

(67) Vgl. Brodocz 1996.

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