Autopoiesis und Ökologie bei Niklas Luhmann

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9. Ausblick: Möglichkeiten und Grenzen der Theorie sozialer Systeme

9.1 Die funktional-strukturelle Theorie autopoietischer Systeme als neues Paradigma der Soziologie?

Die Theorie autopoietischer Systeme ist eine Gesellschaftstheorie ohne Subjekt. Die Exklusion des Menschen aus der Gesellschaft ergibt sich aus dem universell-spezifischen Verständnis der gesellschaftlichen Subsysteme: spezifische Funktionen werden auf ein Teilsystem mit Universalzuständigkeit übertragen1, und dieses läßt die Inklusion aller Individuen zu, wobei "die Inklusion sich nur noch auf die eigenen Operationen bezieht"2.

Dieser Wechsel der Blickrichtung ist auch für die Konzeption des Sozialen von Bedeutung. Das Soziale ist nur noch Sinndimension von Beobachtungen, bezogen auf Kommunikationssysteme und nicht auf ein- oder ausgeschlossene, gekoppelte oder nicht gekoppelte psychische Systeme: Das Soziale an den Funktionssystemen ist gerade nicht mehr sozial, wenn man Sozialität am Menschen festmacht. Die gesellschaftlichen Teilsysteme koppeln sich von allen "menschlichen" Einflüssen ab. Das wahrt nach Luhmann aber auch die Freiheit der psychischen Systeme3: Interpenetration beschränkt Möglichkeiten, nicht aber die operative Autonomie der gekoppelten Systeme.

Soziale Systeme setzen zwar Rahmen für Menschen, indem sie Bedingungen der Möglichkeit individuellen Verhaltens vorstrukturieren. Diese Rahmen können sich auch als strukturelle Gewalt auswirken, und sie können den ganzen Menschen betreffen, wie etwa Arbeitslosigkeit oder fehlende Bildungschancen. Aber auch physische Umweltgegebenheiten setzen Bedingungen, die selbst nicht grundsätzlich verändert werden können. Bezieht man das Soziale in seiner aktiven und passiven Komponente auf Menschen, dann halbiert Luhmann Sozialität auf beiden Seiten. Menschen sind durch die teilsystemischen Operationen zwar betroffen, aber das löst keine Resonanz in den Systemen aus. Der aktive Part der Bewußtseinssysteme beschränkt sich auf unspezifisch irritierende Impulse. Wie aber Systeme unter der illusion of control and causality operieren, obwohl beides faktisch nicht gegeben ist, so beschreiben Menschen sich als Urheber von Veränderungen. Eine andere Sicht wäre auch - im Wortsinne - fatal. Mit einem derart halbierten Begriff des Sozialen stellt sich die Frage, ob die Soziologie nicht ihren eigentlichen Gegenstand aus dem Blick verliert. "Die spezifisch soziale Logik symbolisch vermittelter Kommunikation bleibt im Dunkeln"4. Im Ausschluß des Menschen aus der Gesellschaft und der daraus folgenden "De-Naturalisierung der Sozialdimension"5 liegt Luhmanns Verdikt gegen alle früheren Soziologien6. Das zentrale Problem der Soziologie: das Verhältnis Individuum/Gesellschaft und die auf Menschen bezogene Frage nach der Möglichkeit sozialer Ordnung löst sich - zumindest auf der Ebene der Funktionssysteme7 - auf und wird zu einer rein inner-sozialsystemischen Angelegenheit. Verankert man Soziales, Inklusion und auch die Person (nicht substantialistisch gedacht) am Kommunikationssystem und nicht an den damit gekoppelten "Entitäten"8, dann kann sich auch das Problem sozialer Desintegration von Menschen, für die eine funktional undifferenzierte Lebenswelt gleichsam einen Flucht- oder Rückzugspunkt bietet9, nicht mehr stellen - jedenfalls nicht als gesellschaftliches Problem auf Gesellschaftsebene -, solange sich die psychische Umwelt nicht so verändert, daß sie für die Gesellschaft zum Problem wird10. Indem Luhmann das Thema Sozialintegration durch die Unterscheidung Inklusion/Exklusion ersetzt, beschneidet er es ganz wesentlich. Es geht nicht mehr um die psychischen Systeme oder Individuen, sondern nur noch um die Adressabilität von Personen in Kommunikationen. Integration ist nicht mehr mit "Zugehörigkeit" zu identifizieren, sondern wird auf die "Einschränkung der Freiheitsgrade für Selektionen"11 reduziert. Positive Integration ist dann die Chance der Berücksichtigung als Adressat in den teilsystemischen Kommunikationen, mithin Folge von Inklusion. Sie beschränkt Freiheit durch die Freiheit, in bestimmter Weise an diesen Kommunikationen teilzunehmen. Negative Integration ergibt sich aus dem Unvermögen der Systeme, Vollinklusion sicherzustellen, also aus Exklusion. Psychische Systeme irritieren immer nur unspezifisch, indem sie Mitteilungen absetzen. Eine solche Irritation hat aber nur die Chance, auch registriert zu werden, wenn sie innerhalb des Kommunikationssystems erfolgt, und dort anschlußfähig ist.

Eine umfassende Beschreibung des Sozialen kann eine Theorie, die von handelnden Menschen absieht12 und diese nur als Hilfskonstruktionen auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung definiert, nicht bieten. Innerhalb des selbstgesetzten Rahmens aber ist die Abkopplung vom Menschen fruchtbar für die Beschreibung der Funktionssysteme13. Dargestellt werden Bereiche gesellschaftlicher Realität, die in einer Gesellschaftstheorie, welche auf das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft abstellt, nicht in den Blick kommen: Die Zurechnung von Einfluß und Verantwortung auf Individuen ist angesichts verselbständigter Systeme obsolet14. "Die Soziologie ist eine Wissenschaft von den sozialen Systemen geworden"15.

Auch die systemische Integration wird völlig neu konzipiert. Münch wirft der Systemtheorie vor, die autopoietische Selbstreferentialität monadischer Teilsysteme lasse die Gesellschaft ohne Möglichkeit von Integration zerfallen16. Luhmann überzeichnete sicher am Beginn der Theorieentwicklung die Isolation sozialer Systeme durch die Prononcierung ihrer eigen-sinnigen Autopoiese. Nur so konnte wohl der Paradigmenwechsel den soziologischen Wissenschaftsbetrieb perturbieren. Nachdem diese Markierung "in die Welt gesetzt" war, wurde sukzessive auch die Integration der Systeme wieder hervorgehoben, um diese "Schieflage"17 der Theorie zu korrigieren.

Größere Probleme bereitet die Unmöglichkeit einer planvollen Steuerung von Gesellschaft aufgrund des prinzipiellen Ausschlusses externer Autoritäten. Das Sakrileg der Beschreibung von Steuerung als bloß "phänomenale Kausalität" des politischen Systems und der Vorwurf der "Hypertrophie des Staatsbewußtseins"18 macht die Systemtheorie für die Politikwissenschaft bislang nahezu indiskutabel.

Ein ebenso grundlegendes Problem ergibt sich aus der De-Ontologisierung von Realität. Die Soziokybernetik zweiter Ordnung läßt die direkte Anwendung auf empirische Tatbestände nicht zu. Soziologie hat zwar immer schon auf die Konstruktion sozialer Realität und nicht auf empirische Entitäten abgestellt, jedoch die Temporalisierung der Elemente löst auch ihre Substantialität in momenthafte Ereignisse auf. In dieser körperlosen Immaterialität verlieren soziale Systeme ihre Konturen19. Empirie kann zwar an diese Sicht angeschlossen werden, aber nie so, daß Objekte als Entitäten beschrieben werden könnten20 und immer unter dem Vorbehalt, daß systemische Komplexität nicht von außen eingesehen werden kann21.

Auch die Ausklammerung handelnder Individuen und die extreme Verkürzung von Handlungen auf Mitteilungen versperrt den Zugang zur Empirie, zumal nur Handlungen beobachtbar sind. Wesentliche Teile systemischen Prozessierens bleiben der Beobachtung unzugänglich und können aus Handlungen nur retrospektiv erschlossen werden.

Diese Lücke ist auch durch den Anschluß alternativer Entwürfe nicht zu schließen. Die Systemtheorie erhebt zwar nicht den alleinigen Anspruch auf die Erklärung aller gesellschaftlichen Phänomene. Sie liefert eine Beschreibung von Gesellschaft neben anderen. Was sie über andere Beobachter sagt, gilt in autologischer Anwendung auch für sie selbst22: jede Sicht ist gleich möglich, aber hochunvollständig und mit anderen Perspektiven inkompatibel. Andere Unterscheidungen konstituieren andere Gegenstände. Diese Theorieperspektiven können aber nicht als Ergänzung verstanden werden23.

Luhmann beobachtet die empirische Sozialforschung selbst funktionalistisch: Sie diene weniger der wissenschaftlichen Theorieentwicklung als

"der Beschaffung von Daten als Unterlagen für Entscheidungen in Politik und Wirtschaft oder [...] der Korrektur von Stereotypisierungen, die sich durch die Nachrichten und Berichterstattung der Medien entwickelt und festgesetzt haben"24.

Mit der Doppelprogrammierung von Wissenschaft mittels Theorien und Methoden versucht er die Unterscheidung Theorie/Praxis selbst ad absurdum zu führen25.

Auch der hohe Abstraktionsgrad der Theorie erschwert eine empirische Anwendung. Er ergibt sich einerseits aus dem Anspruch auf Fach-Universalität26, andererseits aus der Abstraktheit ihres Gegenstandes: Gesellschaft kann nicht mehr auf Interaktionssysteme zurückgeführt werden. "Die Kluft zwischen Interaktion und Gesellschaft ist [...] unüberbrückbar breit und tief geworden"27. Das Programm der "Soziologischen Aufklärung" stellt aber andererseits ein Instrumentarium zur reflexiven Beobachtung zweiter Ordnung bereit, das die Eigendynamik gesellschaftlicher Prozesse erhellen kann: Es ist notwendig, daß Theorien ähnlich komplex sind wie Wirklichkeit, die sie beschreiben:

"Wenn aber der gesamte Geist und die äußere Welt i. a. nicht diese geradlinige Struktur haben, dann werden wir indem wir ihnen diese Struktur aufzwingen, blind für die kybernetischen Kreisläufe des Selbst und der äußeren Welt"28.

Mit ihren Beobachtungen zweiter Ordnung produziert die Theorie autopoietischer Systeme keine normativen Gegenentwürfe und bezieht keinen "kritischen" Außenstandpunkt29. Eine Verankerung an archimedischen Punkten wäre für die autologisch verfaßte Systemtheorie auch illusionär. Luhmanns deskriptiv-beobachtende Perspektive läßt jedoch nicht auch den Schluß auf eine zugrundeliegende konservative status-quo-Orientierung zu30. Diese wäre auch sachlich aufgrund der autopoietisch-temporalen Auflösung der cartesischen res extensa nicht begründbar. Außerdem "ändert sich diese Gesellschaft so rapide [...], daß eine Identifikation mit ihr eine Identifikation mit Änderungen ist"31.

Jedoch besteht durchaus eine affirmative Haltung zum technischen Fortschritt und zum produktivistischen Modell, das nur mit eigenen Effekten rückgekoppelt und korrigiert wird32. Kontingenz, lose gekoppelte Flexibilität und Innovativität werden als Attraktoren per se dargestellt, die wiederum Mikrodiversität und Kommunikationsanlässe produzieren. Die Fortsetzung der Autopoiese wird zum Leitproblem. Die systemtheoretische Abkopplung von Wertorientierungen stützt und rechtfertigt diesen "Blindflug"33 selbstreferentieller Teilsysteme.

9.2 Die Beschreibung der ökologischen Selbstgefährdung moderner Gesellschaften

Soziale Systeme werden als ateleologische, momenthaft prozessierende Systeme mit offener Zukunft beschrieben. Die Schonung der Umwelt kann - ebenso wie deren irreversible Schädigung - allenfalls Nebenprodukt der Autopoiese sein, deren einziges Problem die Anschlußfähigkeit der nächsten Operation ohne Rücksicht auf Umwelt und eine unbestimmte Zukunft ist. Der evolutionstheoretische Blick der Systemtheorie entspringt selbst der Differenz von Natur und Gesellschaft. Die gesellschaftliche Evolution führt die natürliche Evolution weiter. Die Art, wie Natur als Umwelt kognitiv konstruiert wird, ist durch diese Sicht vorgezeichnet34. Das Bild einer auf ihren Tauschwert reduzierten Natur35 kanalisiert auch die empirische Erfahrung der Natur. Die verwendeten Begriffe und Kategorien implizieren dabei, was wir mit den Dingen zu tun gedenken36.

Zwar hat die Systemtheorie als einzige die Möglichkeit mit dem "trojanischen Pferd" ökologische Differenz zu arbeiten37, aber Natur kann nicht anders, denn als Ressource und Lebensgrundlage der Gesellschaft wahrgenommen werden. Auch für die funktionale Analytik gilt: Natur kann nur "beschränkt und kategorial verformt"38 wahrgenommen werden. Die reale Umwelt als Außenseite der Gesellschaft/Umwelt-Unterscheidung ist kognitiv von keinem Ort innerhalb der Gesellschaft faßbar und auch systemtheoretisch nicht anschlußfähig. Die kognitive Umwelt bleibt rückgebunden an die Resonanz der Systeme. Diese kann sich aus der gesellschaftlich ausgelösten Veränderung von Umwelt ergeben, notwendig entsteht sie aber erst aus der Rückwirkung dieser Veränderungen auf die Gesellschaft. Diese Verengung des Blicks ist konstitutiv im Prinzip der funktionalen Differenzierung angelegt und Bedingung ihrer Möglichkeit. Insofern meint auch die gesellschaftsexterne Umwelt "wiederum nur die Gesellschaft selbst"39.

Die Systemtheorie ist in ihrer Autologie selbst an die funktionale Sicht gebunden und kann ökologische Schäden nur soweit konstruieren, wie sie Resonanz in sozialen Systemen hervorrufen. Auch soziologische Forschung bleibt damit auf systemimmanente Fragestellungen beschränkt. Die Kluft zwischen der Veränderung der realen Umwelt und ihrer konstruierten Erkenntnis ist unüberbrückbar. Diese Blindheit könnte erst durch die Umstellung auf einen Beobachtungsmodus dritter Ordnung bearbeitet werden, der der Systemtheorie die Kontingenz ihrer eigenen - funktionalistisch ausgerichteten - Codierung aufdecken würde. Ein solcher Perspektivenwechsel bahnt sich in Bezug auf die menschliche Umwelt mit der Primärdifferenzierung nach Inklusion und Exklusion an, für die nicht-menschliche Umwelt ist eine ähnliche Wende nicht in Sicht.

Der klassische Funktionalismus faßte Ökologie noch konkretistisch, jedoch ebenfalls instrumentell imprägniert40. Der Luhmannsche Poststrukturalismus gibt zwar bestehende Strukturen zur Änderung frei, der autopoietic turn aber immunisiert die Systeme gegen die Umwelt. Luhmann vermag es zwar, die ökologische Krise in der ausdifferenzierten Gesellschaft "erhellend, realistisch"41 zu analysieren, bleibt aber unfähig, Natur auch unabhängig von gesellschaftlichen Erfordernissen zu konzipieren. Mit dem Umstieg auf eine Kybernetik zweiter Ordnung wird die Rede von Natur zur Hypostasierung. Die Natur wird zum blinden Fleck soziologischer Theoriebildung.

Die Natur ist für Gesellschaft nur mehr Material zur autopoietischen Reproduktion. Es geht nicht um Abkehr von der bisherigen Praxis der Nutzung, sondern um deren rationale Perfektionierung. Die Gesellschaft bestimmt die Kriterien, nach denen Natur funktioniert, und kann deren Funktionieren nur nach den Rückwirkungen bemessen. Die nicht-instrumentellen Aspekte der so vergesellschafteten Natur geraten aus dem Blick. Durch die autopoietische Abkopplung von der Umwelt existiert diese nur mehr als Moment der Autopoiese. Auch die Beschreibungen von Natur werden nur nach ihrer Funktionalität für die Gesellschaft beurteilt42. "Dann macht auch die Frage Sinn, ob der Diskurs über die Natur zuviel Resonanz erzeugt"43.

Nach Klaus Eder wird der systemtheoretische Diskurs so zur Apologie des "carnivoren Diskurses"44, der mit der funktionalen Differenzierung sowohl Zuständigkeit als auch Verantwortung aus der Gesellschaft abspaltet.

Symptomatisch für diese instrumentalistische Sicht ist die undifferenzierte Vermischung von Technik und Natur in der außergesellschaftlichen Umwelt. Während technische Systeme noch anhand ihrer strikten Kopplung von lose gekoppelten natürlichen Systemen unterscheidbar sind, können - und sollen - gentechnische Veränderungen nicht mehr beobachtet werden. "Wie (und warum?) sollte man gentechnisch produzierte Organismen von anderen unterscheiden? Nur, um kommunizieren zu können, daß man dagegen ist?"45.

Symptomatisch ist auch die kategorische Ablehnung ethischer Bemühungen sowie die Einstellung gegenüber Protestgruppen. Empathie und Betroffenheit über die räumliche Nähe hinaus wird zu einer "Flucht in die Ethik" herabgemindert und mit Emotionalität und starken Bindungen assoziiert46. Wissenschaftlicher Ethik, der diese Motivlage nicht unterstellt werden kann, wird nahegelegt, sich auf die Reflexion von Moral zu beschränken47. Moral bleibt aus dieser Sicht - nicht nur auf die Funktionssysteme, sondern von der basalen äquivalenzfunktionalistischen Codierung her - abstrakt und folgenlos und kann nur als emotionale Abwehrreaktion wahrgenommen werden48. Nach Beck verkennt Luhmann damit die Resonanz auf teilsystemische Rationalitätsdefizite als Angstrhetorik und zeichnet das Bild einer lernunfähigen Gesellschaft autonomer Systeme49. Die Kommunikation von Angst, Emotionen und Werten wird in ihrer Funktionalität als Immunreaktion nicht zureichend reflektiert. Moral- und Wertkommunikationen sind für die Funktionssysteme indiskutabel, für die Gesellschaft dysfunktional.

Die NSB werden zwar auch funktionalistisch analysiert, wo sie Probleme und Risiken sichtbar machen, Themen in die Diskussion einführen oder Aufmerksamkeit für Sachverhalte erzeugen, die die betreffenden Organisationen der Öffentlichkeit vorenthalten. Ihre gesellschaftliche Bedeutung ergibt sich daraus, daß jedes System nur die für es selbst optimale Lösung verfolgen wird, ohne auf gesamtgesellschaftliche Bedürfnisse zu reflektieren. Doch eine umfassendere Beschreibung der Gesellschaft durch die NSB ist daraus nicht abzuleiten.

Die Art, wie die Systemtheorie Protestbewegungen beobachtet, deckt ihre eigene - konstitutive - Unfähigkeit zur Berücksichtigung der außergesellschaftlichen Umwelt auf. Luhmann begegnet der nicht-instrumentellen Sicht der NSB mit zum Teil frappierendem Unverständnis50und sieht das Engagement in diesen Gruppen vor allem als Instrument zur Bearbeitung von Problemen, die in der Freisetzung der Individuen aus traditionalen Bindungen wurzelt51. Kulturelle Phänomene wie Empathie bleiben unzugänglich bzw. - funktional - entweder nur austauschtheoretisch oder als Verschiebung eigener Problemlagen konzipierbar52. Katastrophen, die stellvertretende Betroffenheit auslösen, werden - wiederum funktional - zur Mythodologie erklärt53. Weder die NSB noch ihre Anliegen lassen sich damit in das autopoietische Weltbild fügen. Sie bleiben Störvariablen, einen Platz für gesellschaftliche Betroffenheit gibt es nicht. Nach Eder besteht

"die 'kulturtheoretische Ahnungslosigkeit' [...] des sozialwissenschaftlichen Funktionalismus [...] letztlich darin, die nicht-instrumentellen Aspekte in der Vergesellschaftung der Natur nicht zu sehen und damit die konstitutive Funktion der Kultur aus dem Blick zu verlieren"54.

Während das Parsonssche kulturelle System Raum für Werte und Normen zur Verfügung stellt und gleichzeitig in den anderen Systemen wiederauftaucht, wird Kultur nun als Gesamtheit multiperspektivischer kommunikativer Thematisierung gesellschaftlicher Wirklichkeit zu einem Mechanismus gesellschaftlicher Autopoiese unter anderen. Mit der zentralen Integrationsfunktion verliert die Kultur auch ihre Bedeutung. Sie wird zu einer Art Residualbereich von Semantiken, in dem gesellschaftliche Selbstbeschreibungen, darunter auch ökologische Kommunikationen, kursieren und mit der Evolution der Gesellschaft kovariieren55. Diese nicht an Leitcodierungen gebundenen Kommunikationen sind weit weniger relevant als die funktionsspezifisch codierten der Subsysteme: Die Gesellschaft evoluiert primär auf der Ebene ihrer Funktionssysteme.

Auch die Ausklammerung materialer Handlungen wird mit der ökologischen Krise problematisch. Zwar erfaßt auch soziales Handeln soziale Realität nicht mehr zureichend, wenn die außergesellschaftliche Umwelt mit hereingenommen werden soll. Doch Luhmann schränkt den soziologischen Handlungsbegriff noch weiter auf die kommunikative Intention ein: Die Beziehung sozialen Handelns auf andere wird durch die Beziehung gesellschaftlichen Handelns auf Kommunikationssysteme abgelöst. Materiale - auch soziogene - Handlungen bleiben ausgeschlossen. Insofern erscheint Luhmanns Verengung des Gesellschaftsbegriffs auf ein System von Kommunikationen kontraproduktiv. Das Zugeständnis, daß soziale Systeme nur zunächst Kommunikationssysteme seien, die vermittelt über die Selbstbeschreibung als Handlungssystem selbst nichtkommunikatives Handeln wieder einbeziehen können56, vermag diesen Vorwurf nicht zu entkräften.

In Bezug auf Risiken begibt sich Luhmann auf eine Gratwanderung zwischen Trivialität bzw. Tautologie auf der einen Seite, in der sich der Risikobegriff auflöst, und der Konstruktion eines neuen Elfenbeinturms andererseits. Wo Entscheiden und Unterlassen gleich riskant wird, ist nichts mehr riskant57. Wo beide Seiten jeder Entscheidung gleich riskant sind, wird jede Entscheidung paradox. Entgangene Gewinne und drohende Schäden sind aber nicht wie in einem Nullsummenspiel gegeneinander aufrechenbar. Risiko wird zur bloß sozialen Konstruktion, die je nach Blickwinkel und Toleranzschwelle anders ausfällt, und die keine sachbezogenen Aussagen mehr zuläßt. Dem Zerstörungspotential neuer Technologien ist dies nicht mehr angemessen. Soziologie muß über ihre Theorien und Methoden den Kontakt zur Außenwelt erhalten, will sie sich nicht als schöne, hyperkonsistente Theorie immunisieren, sondern tatsächlich über gesellschaftliche Wirklichkeit etwas aussagen. Auch wenn für die Gesellschaft nur das existiert, worüber kommuniziert wird, sollte das nicht in gleicher Weise für eine Theorie der Gesellschaft gelten. Daß die Außenwelt kognitiv nicht zugänglich ist, darf nicht dazu führen, von ihr abzusehen. Mit der Paradoxie der Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer Beschreibung von Umweltgefährdungen auch unabhängig von gesellschaftlicher Resonanz muß die Systemtheorie umgehen, anstatt an dieser Stelle die Kommunikation abzubrechen. Das objektiv greifbare Korrelat der Risiken darf nicht aus dem Blick geraten. Risiko-objektivistische Beobachtungen erster Ordnung bleiben notwendige Ergänzung zum Risiko-Konstruktivismus58. Naturwissenschaftlich-objektive Risikobestimmungen sind zwar selbst nicht unabhängig von sozialen Konstruktionen, doch sie setzen einem "kulturellen Gefahrenrelativismus"59 Grenzen.

Luhmann läßt sich nicht wirklich auf die Möglichkeit der zugrundeliegenden Selbstgefährdung ein, sondern weicht ihr mit dem Verweis auf Evolution und entsprechender Distanzierung vom Gegenstand aus. Er befaßt sich nicht mit der Einheit hinter der Unterscheidung von beschreibender Theorie und kritisch-moralisierendem Protest. Daß Systeme zerstört werden können, ist dabei kein Zugeständnis an die Warner, sondern trivial. Daß Systeme ansonsten nur irritiert werden können, ist aus teilystemischer Sicht positiv, gesamtgesellschaftlich gibt aber gerade dies Anlaß zur Besorgnis.

Luhmann tendierte lange zur eher zweckoptimistischen Blindheit der Funktionssysteme. Beck wirft ihm diesbezüglich eine harmonistische Halbierung der Selbstvernichtungsgefahr vor. Die Überbetonung der Effizienz funktionaler Differenzierung führt zur Unterbelichtung gesellschaftsgefährdender Rationalitätsdefizite, die als Irritationen Resonanz in Form systeminterner Widersprüche auslösen könnten60.

Erst spät beginnt Luhmann auf Evolution basierende Hoffnungen deutlich zurückzuweisen: Zwar "kann es nur über Evolution weitergehen [...], aber die Frage ist: wie und wohin"61.

"Von der Evolution wird jetzt nicht mehr laufend bessere Anpassung erwartet. Die Fakten sprechen für das Gegenteil. Die Frage kann daher nur sein, wie die Gesellschaft den Zustand des vorausgesetzten Angepaßtseins halten kann [...]. Die Teilsystemevolutionen können auf diese Fragen keine Antwort geben"62.

"M.a.W.: das 'Schloß' wackelt"63, wenn ökologische Gleichgewichte nur durch die Eliminierung unangepaßter Systeme hergestellt werden.

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Anmerkungen

(1) Luhmann 1997: 709.

(2) Luhmann 1997: 765, Herv. A.P.

(3) Luhmann lehnt einen "Humanismus" ab, der "alles, auch die Gesellschaft, auf die Einheit [...] des Menschen bezieht" (vgl. Luhmann 1992: 131). Die Systemtheorie respektiert demgegenüber auch die Autonomie des Menschen gerade dadurch, daß sie ihn aus der Gesellschaft entfernt. Soziale Systeme können nicht auf die Operationsweise psychischer Systeme durchgreifen: Sozialisation ist nur als Selbstsozialisation denkbar (vgl. ders. 1991: 327).

(4) Vgl. Eder 1988: 43, Fn. 20.

(5) Luhmann 1997: 766.

(6) Beck spricht von einer menschenleeren, subjektlosen Theorie (vgl. Beck 1988: 166f).

(7) Nicht in gleichem Maße auf der Organisations- und Interaktionsebene (vgl. Luhmann 1997: 619).

(8) Es wäre hilfreich, die Person als Kopplungsstelle zwischen psychischem und sozialem System hinsichtlich ihrer Zweiseitigkeit zu unterteilen: Person1 als "Position" innerhalb des Kommunikationssystems, Person2 als die dadurch adressierte "Rolle" im psychischen System.

(9) Einen solchen Restbereich unversehrter Vergesellschaftung und Einheit der Welt gibt es nicht: die Unterscheidung vertraut/unvertraut ist für jeden Beobachter eine andere. Evident wird dies auch an den "Lebenswelten" in Slums und Favelas, wo die Individuen auf sich selbst und ihre Körperlichkeit zurückgeworfen sind.

(10) Vgl. Luhmann 184: 644.

(11) Luhmann 1997: 631.

(12) - aus denen sich bei Parsons erst alle übergeordneten Ebenen entfalten lassen. Insofern löst sich die Theorie autopoietischer Systeme selbst autopoietisch von ihren Wurzeln ab.

(13) Vgl. Luhmann 1997: 766.

(14) Erscheinungen wie strukturelle Gewalt sind nicht auf Einzelpersonen rückführbar.

(15) Kiss 1986: 119.

(16) Vgl. Münch 1996: 31f. Die Gegensätze werden allerdings geringer, zieht man die Organisations- und die Interaktionsebene in Betracht.

(17) Vgl. Luhmann 1997: 778. - Allerdings mit dem Vorwurf der ontologischen Fehlbeobachtung: "Eine derart resolute Trennung von Systemen und Umwelten ist natürlich nur akzeptabel, wenn Systeme nicht länger substantiell als für sich bestehende Objekte begriffen werden, die in der Welt herumschwimmen wie Fettaugen auf der Suppe" (Luhmann 1995b: 10).

(18) Luhmann 1997: 758.

(19) Bisweilen glaubt man, den platonischen Ideenhimmel zu sehen (vgl. auch Beck 1996: 48, Fn. 44). Münch spricht gar vom "Mythos der funktionalen Differenzierung" (vgl. Münch 1991a.). Das ist zum einen der cartesischen Imprägnation der Sprache zuzuschreiben (vgl. Fuchs 1999), zum anderen der Tatsache, daß nur Mitteilungshandlungen in Interaktionen und Organisationen beobachtbar sind.

(20) Vgl. Luhmann 1997: 878.

(21) Jürgen Kaube zeigt, wie etwa Rational-Choice-Theorien soziale Sachverhalte als Resultat rationalen Handelns darstellen, ohne aber belegen zu können, daß sie tatsächlich aus solchem Handeln hervorgehen (vgl. Kaube 1996).

(22) Vgl. Luhmann 1991: 652.

(23) Vgl. Luhmann 1997: 1144f. Schimank versucht demgegenüber eine durch Rational Choice geprägte akteurtheoretische Perspektive mit der systemtheoretischen Perspektive zu verbinden. Die Darstellung gesellschaftlicher Strukturdynamik als Koevolution teilsystemischer Autopoiese und die als transintentionaler Effekt strategischen Handelns in Akteurkonstellationen sind für ihn komplementär zueinander (vgl. Schimank 1995).

(24) Luhmann 1996h: 160.

(25) Vgl. Luhmann 1998: 405.

(26) Thema ist der gesamte Gegenstandsbereich der Soziologie, zu dem auch die eigene Theorie gehört ( vgl. Luhmann 1984: 9, 33, 145, 651).

(27) Luhmann 1991: 585. Auf Beck wirkt die Systemtheorie Luhmanns in ihrer Abstraktion angesichts der Unübersichtlichkeit gesellschaftlicher Verhältnisse geradezu irreal (Beck 1988: 199).

(28) Bateson 1983: 572.

(29) Vgl. Luhmann 1997: 16f.

(30) Doch eine solche Orientierung ließe sich ebenso begründen, sei es aufgrund mehrfach eingestreuter Polemiken, sei es aus direkten Empfehlungen: "Irgendwie müssen wir lernen, mit dieser Gesellschaft zurechtzukommen. Es ist keine andere in Sicht" (Luhmann 1996b: 52; vgl. ders. 1991: 550).

(31) Luhmann 1996c: 70.

(32) Vgl. Eder 1988: 45.

(33) Beck 1988: 168.

(34) Vgl. Eder 1988: 29; vgl. ebd.: 40.

(35) Vgl. Eder 1988: 55f.

(36) Etwa die Kategorisierung als "Unkraut" oder "Nutztier". Mit Bezug auf die technische Materialisation dieser Begrifflichkeiten stellt Herbert Marcuse fest: "Nicht erst ihre Verwendung, sondern schon die Technik ist Herrschaft (über die Natur und über den Menschen) [...]; in ihr ist projektiert, was eine Gesellschaft und die sie beherrschenden Interessen [...] mit den Dingen zu machen gedenken" (Marcuse 1984: 97). Luhmann lehnt selbstverständlich diesen Gebrauch des Kontextes Macht als kontextfreies Medium ab (vgl. Luhmann 1998:667).

(37) Vgl. Fuchs 1992: 251f.

(38) Luhmann 1986: 33.

(39) Luhmann 1986: 18.

(40) Vgl. Eder 1988: 290, Fn. 6.

(41) Beck 1988: 168.

(42) Vgl. Eder 1988: 39 - 63.

(43) Eder 1988: 43, Fn. 21.

(44) Eder 1988: 215, Herv. i. O.

(45) Luhmann 1997: 523.

(46) Vgl. Luhmann 1996h: 211.

(47) Vgl. Luhmann 1989: 358-447.

(48) Ein re-entry könnte diesen Vorwurf jedoch zurückgeben: ist die Unterscheidung "emotional/nicht emotional" selbst emotional oder nicht emotional? (vgl. etwa die Rede von "Sympathisanten", Luhmann 1997: 848). Was funktionalistische Selbstverständlichkeiten in Frage stellt, wird als emotional ausgeschlossen. Das Kind Moralkommunikation wird mit dem emotionalen Bade ausgeschüttet.

(49) Beck 1988: 166-176.

(50) Vgl. Luhmann 1996g: 183; vgl. ebd.: 188ff.

(51) Vgl. Luhmann 1997: 851.

(52) Vgl. etwa Luhmann 1996g: 190.

(53) Vgl. Luhmann 1996g: 182f. Gentechnik-Gegner setzen sich aber mit Problemen auseinander, die nicht auf Unfälle, sondern auf die alltägliche Zerstörung im business as usual bezogen sind, mithin auf schleichende Katastrophen, die sich mangels zeitlicher Distanz und mangels benennbarer Einzelfälle für eine Mythodologie gar nicht eignen.

(54) Eder 1988: 43, mit Verweis auf Matthiesen, U. 1987: Mikrosoziologische Revolten und strukturphänomenologische Perspektivenverschränkung. Zur kulturtheoretischen Rejustierung von Mikro-Makro.

(55) Vgl. Eder 1988: 40ff.

(56) Vgl. Luhmann 1991: 634.

(57) Mit Wittgenstein gesprochen: "Es hebt sich weg, was immer es ist" (Wittgenstein 1990: 233).

(58) Vgl. Krohn/Krücken 1993: 13f.

(59) Beck 1988: 262.

(60) Vgl. Beck 1988: 172ff.

(61) Luhmann 1997: 569.

(62) Luhmann 1997: 568, Herv. A. P.

(63) Beck 1988: 169f.

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